Kurzdarmsyndrom

 In Erkrankungen

Unser Dünndarm ist mit ungefähr fünf Metern Länge nicht gerade kurz. Durch zahlreiche Einbuchtungen wird die Oberfläche zusätzlich stark vergrößert. Diese große Fläche ist notwendig, um Nährstoffe aus dem Nahrungsbrei in unseren Körper aufzunehmen (zu resorbieren). Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße zählen zu den Makronährstoffen und werden vom Dünndarm resorbiert. Sie dienen zur Energiegewinnung. Doch auch die kleineren Vitamine und Spurenelemente, die Mikronährstoffe, finden über die Dünndarmschleimhaut ihren Weg in unseren Körper. Wasser, Mineralien und kurzkettige Fettsäuren werden hingegen zusätzlich auch im Dickdarm aufgenommen. Wird die Dünndarmfunktion geschädigt oder ein großer Teil des Dünndarms chirurgisch entfernt (Dünndarmresektion), kann ein Kurzdarmsyndrom auftreten.

Was ist ein Kurzdarmsyndrom?

Früher wurde das Kurzdarmsyndrom über die Restdarmlänge definiert. Bei 100 bis 150 Zentimeter Länge funktionsfähigem Dünndarm vermutete man ein Kurzdarmsyndrom. Inzwischen wird das Krankheitsbild über den tatsächlichen Funktionsverlust des Darms beschrieben. Kommt es durch den verkürzten Darm zu einer mangelhaften Nährstoffaufnahme und einer Störung der Ein- und Ausfuhr von Flüssigkeiten (Flüssigkeitsbilanz), liegt ein Kurzdarmsyndrom vor. Neben Durchfällen führt der Nährstoffmangel bei den Betroffenen zu schnellem Gewichtsverlust. Wird der Nährstoffmangel nicht durch andere zusätzliche Ernährungsformen ausgeglichen, können Mangelerscheinungen auftreten.

Die Symptome des Kurzdarmsyndroms sind:

Welche Erkrankungen führen zu einem Kurzdarmsyndrom?

Ein Kurzdarmsyndrom tritt häufig nach umfangreicher Entfernung (Resektion) von Dünndarmabschnitten auf. Durch die geringe Oberfläche des Dünndarms werden Nährstoffe nicht mehr ausreichend aufgenommen (Darmversagen). Eine chirurgische Entfernung von Abschnitten des Dünndarms kann bei verschiedenen Erkrankungen notwendig sein. Häufige Erkrankungen sind:

  • Infarkt der Baucharterie mit Durchblutungsstörung des Darms (Mesenterialinfarkt)  
  • Morbus Crohn (Entfernung schwer entzündlicher Darmanteile)
  • Verletzungen der Bauchorgane (Unfälle)
  • Entzündung des Darms nach Bestrahlung (Strahlenenteritis)
  • Durchblutungsstörung durch Darmverschluss (Darmileus)
  • Störung der Darmbeweglichkeit (intestinale Pseudoobstruktion)
  • Darmtumor

Wie ist die Prognose beim Kurzdarmsyndrom?

Der Verlauf des Kurzdarmsyndroms ist individuell. In der Regel hängt die Schwere des Kurzdarmsyndroms jedoch von der verbliebenen Restdarmlänge ab. Um die zu erwartende Nährstoffeinschränkung vorherzusagen, sollte die verbliebene Länge des Dünndarms dokumentiert werden. Insbesondere in den Stunden nach der Operation ist die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen am meisten eingeschränkt. Diese Phase bezeichnet man als Hypersekretionsphase. An diese schließt sich eine Anpassungsphase an (Adaptionsphase). In der Anpassungsphase passt sich der übrig gebliebene gesunde Darm an die neuen Umstände an. Die gesunden Darmzellen versuchen ihre Aufnahmefähigkeit von Nährstoffen zu steigern. Durch Wachstumsprozesse vergrößert sich die Darmoberfläche. So versucht der Darm den Längenverlust zu kompensieren. Die Anpassung erfolgt sehr langsam. So kann sich die Aufnahmefähigkeit des Restdarms bis zu einem Jahr nach der Operation noch verbessern. Wie gut dieser Ausgleich funktioniert, hängt von verschiedenen Faktoren ab:


  • Ausmaß des Darmverlusts
  • Abschnitt des gesunden Dünndarms (Lokalisation)
  • Zufuhr von Nahrung (Diätberatung)

Da die verschiedenen Dünndarmabschnitte ihre eigene Funktion haben, gibt es bei der Anpassungsphase Unterschiede. Der Verlust des oberen Dünndarms (Jejunum) kann eher von den mittleren und unteren Abschnitten (Ileum) ausgeglichen werden als anders herum.

Wusstest du schon?

Vitamin B12 wird ausschließlich im unteren Dünndarm (Ileum) aufgenommen. Fällt dieser Darmabschnitt weg, kann Vitamin B12 nicht mehr über die Nahrung aufgenommen werden. Ähnlich verhält es sich mit Gallensäuren. Es kann zum Gallensäureverlustsyndrom kommen.

Wie ernähre ich mich beim Kurzdarmsyndrom?

Für unser Überleben ist die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen unverzichtbar. Da diese Fähigkeit beim Kurzdarmsyndrom eingeschränkt ist, kommt der Ernährungstherapie eine große Bedeutung zu. Durch eine gezielte Diät wird versucht, den Mangel auszugleichen. Direkt nach der Operation und bei schweren Formen des Kurzdarmsyndroms müssen zusätzlich Nährstoffe und Flüssigkeit unter Umgehung des Darms (parenteral) zugeführt werden. Direkt nach der Darmoperation solltest du dich fettarm und ballaststoffarm ernähren. Bereite die Nahrungsmittel schonend zu (fein geschnitten, gedünstet). Verträgst du alles gut, kannst du die Kost langsam steigern. In der Tabelle findest du eine Auflistung der geeigneten und weniger geeigneten Lebensmittel für die Ernährung bei Kurzdarmsyndrom. 

Wir helfen dir mit deiner Ernährung

Wir empfehlen dir ein Ernährungstagebuch zu führen. So kannst du herausfinden, welche Lebensmittel du noch gut verträgst. Hilfreich ist dafür die Cara-App. Für eine individuelle Ernährungsberatung wende dich an unser kompetentes Team an Ernährungsberatern. Wir helfen dir gerne weiter. Melde dich hier zu einem kostenlosen Beratungsgespräch an.

empfohlen ungeeignet
  • stilles Wasser
  • milde Tees (kein Pfefferminztee)
  • Zwieback
  • klare Brühe und leichte Suppen (keine Tomatensuppe, nicht scharf)
  • Weißbrot, leichtes Graubrot
  • kleine Mengen Butter, Margarine, Rapsöl, Olivenöl, Leinöl
  • Bananen, Kompotte aus Obst (ohne Schale)
  • Naturjoghurt, Milchbrei
  • Kartoffelpüree, Reis, Nudeln
  • gekochtes oder gedünstetes Gemüse: Fenchel, Karotten, Sellerie, Schwarzwurzel, Zucchini
  • fettarmes Fleisch
  • Fisch
  • Quark, fettarmer Käse
  • Rohkost
  • Zitrusfrüchte
  • Nüsse, Rhabarber, Spinat, Mangold, Schokolade, Kaffeepulver, Rote Rüben (enthalten viel Oxalsäure: erhöht Risiko für Nierensteine)
  • frittierte Speisen
  • Kohlgemüse, Tomaten, Hülsenfrüchten, Gurken, Pilze (blähend!)
  • abführend wirkende Nahrungsmitteln: Kaffee, Fruchtsäfte, Getränke und Nahrungsmittel mit hohem Zuckergehalt
  • Zuckeraustauschstoffe
  • Alkohol
  • Zigaretten

Hier noch einige Tipps, um dir die Ernährungsumstellung zu erleichtern:

Ernährungstipps:

  • Iss sechs bis zehn kleinere Mahlzeiten am Tag. Das schont deinen Darm und erleichtert die Aufnahme der Nährstoffe.
  • Trinke frühestens eine Stunde nach dem Essen! Dadurch verlängerst du die Verweildauer des Nahrungsbreis in Magen und Darm.
  • Verzichte auf süße Nahrungsmittel wie Marmelade und Honig. Sie können deinen Durchfall verstärken, da Zucker dem Darm Wasser entzieht.
  • Wenig Ballaststoffe! Sie enthalten wenig Energie, sind blähen, sättigen zu stark und fördern Durchfall.
  • Fettzufuhr kann zu stärkeren Durchfällen führen. Wenn dies der Fall ist, kannst du auf verträgliche mittelkettige Fettsäuren zurückgreifen (MCT-Fette). Diese findest du als MCT-Margarine oder MCT-Öl im Handel.

Wie therapiert man das Kurzdarmsyndrom?

Die beschriebene Ernährungstherapie ist von großer Bedeutung. Ist der verbliebene Dünndarmanteil allerdings sehr kurz (kürzer als 100 Zentimeter), kann die Nährstoffaufnahme über die normale Essensaufnahme (oral) nicht gewährleistet werden. Dann müssen zusätzlich Nährstoffe über enterale Ernährungssonden zugeführt werden. In manchen Fällen ist eine Ernährung unter Umgehung des Darms (parenteral) notwendig. Diese künstliche Ernährung kann je nach Anpassungsfähigkeit des Darms mit der Zeit auch wieder ausgeschlichen werden. Von großer Bedeutung ist bei allen Ernährungsformen, den Flüssigkeitshaushalt zu regulieren. So wird einer Austrocknung (Dehydratation) entgegengewirkt. Denn durch die häufigen Durchfälle wird mehr Wasser verloren, als getrunken werden kann. Durch die Durchfälle gehen auch wichtige Minerale (Elektrolyte) wie Natrium, Kalium und Magnesium verloren. Diese müssen unbedingt ersetzt werden. Zur Nahrungsergänzung eignen sich:

  • Kalium-Tabletten, Bananen
  • Mineralstoffreiche “Sportler-Getränke” wie Isostar® und Gatorade®
  • medizinische Flüssigkeitslösung wie Elotrans® und Pedialyt®
  • hochdosierte Magnesium-Präparate wie Magnetrans Forte
  • Hochkalorische Zusatznahrung bei Gewichtsverlust wie Duocal®, MaltodextrinC®, Peptamen®, Elemental 028® und Modulen IBD®

Wusstest du schon?

Enterale Ernährung ist die Ernährung unter Nutzung des Darms. Bei der parenteralen Ernährung werden Nährstoffe über die Vene zugeführt. Beim Kurzdarmsyndrom werden diese Ernährungsformen auch kombiniert eingesetzt.

Wie behandle ich meinen Durchfall beim Kurzdarmsyndrom?

Neben den oben genannten Maßnahmen zum Ausgleich des Flüssigkeits- und Elektrolytverlusts bei Durchfall, gibt es verschiedene Medikamente, um Durchfall zu behandeln. Diese Medikamente sollten immer nur in Absprache mit deinem behandelnden Arzt eingenommen werden. Die Kosten der Nahrungsergänzungsmittel werden bei dem Vermerk Kurzdarmsyndrom auf dem Rezept teilweise von den Krankenkassen übernommen.

Medikament Wirkung Anwendung
Loperamid

hemmt Durchfall

langsamere Darmpassage verbesserte Resorption von Nährstoffen, Wasser und Mineralien

maximal viermal 1 bis 2 Milligramm täglich
Tinctura opii

Tropfen

Hemmt Durchfall dreimal 4 Tropfen bis dreimal 12 Tropfen täglich
Colestyramin

Pulver: Quantalan®

Kautabletten: Lipocol ®

bindet Gallensäuren im Dickdarm, die dort Durchfall auslösen (bei Entfernung unterer Dünndarm) ein- bis dreimal täglich 2 bis 4 Gramm

eine Stunde vor oder nach anderer Medikamenteneinnahme

Natriumbicarbonat alkalische Basen gegen Übersäuerung
Zink-Präparate verbessert Anpassungsfähigkeit des Darms, bei Hauterscheinungen und Nagelschäden
Selen-Präparate

Tablette (Selenase)

bei Selen-Mangel, positive Wirkung umstritten zehn Tage bis drei Wochen: 300 Mikrogramm Selen täglich

dann: 100 Mikrogramm täglich

Eisenpräparate bei Eisenmangel intravenöse Präparate!

(Tabletten, Dragees und Tropfen werden schlecht aufgenommen)

Quellen

Edler, J., Eisenberger, A.M., Hammer, H.F., Hütterer, E. and Pfeifer, J., 2004. Das Kurzdarmsyndrom-Teil 3: Ernährungsmedizinische und medikamentöse Therapie. Journal für Gastroenterologische und Hepatologische Erkrankungen2(2), pp.27-35. Online abgerufen am 22.08.2018 unter: https://www.kup.at/journals/summary/4333.html

Vanderhoof, J.A., 1996. Short bowel syndrome. Clinics in perinatology23(2), pp.377-386. Online abgerufen am 22.08.2018 unter: https://www.perinatology.theclinics.com/article/S0095-5108(18)30247-1/abstract

Andre Sommer

André Sommer, Arzt und Autor bei reizdarm.one

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