Trinknahrung – Astronautenkost bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

 In Behandlung, Ernährung

Die erste Trinknahrung wurde für die Raumfahrt verwendet, um die Stuhlfrequenz in der Schwerelosigkeit gering zu halten. Seitdem wurde sie stark modifiziert und an verschiedene medizinische Bedürfnisse angepasst.

In der Medizin findet meist hochkalorische Trinknahrung Anwendung, um Mangel- und Unterernährung vorzubeugen und zu behandeln. Dabei bleibt der natürliche Weg der Nahrung über Mund, Rachen und den Magen-Darm-Trakt erhalten.

Hochkalorische Trinknahrung wird bei der Therapie chronisch entzündlicher Darmerkrankungen eingesetzt. Vor allem bei Morbus Crohn kommt es häufig zu Untergewicht und Nährstoffmangel. Aber auch bei schweren Verläufen der Colitis Ulcerosa, einer sogenannten Pancolitis, wird eine Ernährungstherapie empfohlen. Dabei stehen dir unsere zertifizierten Ernährungsberaterinnen von Cara Care stehen bei Bedarf zur Seite. Sie können gemeinsam mit dir herausfinden, ob Trinknahrung oder vielleicht eine andere Ernährungsweise für dich am besten geeignet sind. Erhalte hier mehr Informationen.

Was ist Trinknahrung?

Trinknahrung kommt zum Einsatz, wenn Patienten einen erhöhten Nährstoffbedarf haben. Auch wenn eine Mangel- und Unterernährung, oder wenn Kau- und Schluckstörungen vorliegen, greifen Betroffene auf Trinknahrung zurück. Dagegen ist niedrigkalorische Trinknahrung zum Abnehmen aus medizinischer Sicht eher unbedeutend.


Bevor Trinknahrung verordnet wird, muss der persönliche Nährstoffbedarf des Patienten ermittelt werden. Bei einem leicht erhöhten Bedarf kommt normokalorische Trinknahrung zum Einsatz. Ist der Bedarf stark erhöht, wird hochkalorische Trinknahrung verschrieben. Bei einigen Krankheitsbildern werden die Nährstoffe speziell auf die Krankheit zugeschnitten. Je nach Zustand wird Flüssignahrung zusätzlich zur normalen Kost verordnet oder die Ernährung wird komplett auf Trinknahrung umgestellt.

Ärzte können sogar bestimmte hochkalorische und normokalorische Produkte verschreiben. Normalerweise sind Nahrungsergänzungsmittel nicht in den Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse enthalten. Krankenkassen übernehmen die Kosten jedoch bei einigen Krankheitsbildern.

Wie schmeckt Trinknahrung?

Herzhafte Trinknahrung erinnert vom Geschmack her an Suppe. Meist sind auch einige wenige natürliche Bestandteile einer Suppe wie püriertes Gemüse vorhanden. Das Geschmackserlebnis ist jedoch nicht mit einer frischen Suppe zu vergleichen.

Viele bevorzugen daher süße Trinknahrung. Hier ist es leichter ein normales Geschmackserlebnis zu erzeugen, da viele süße Lebensmittel wie Eis, Pudding oder Fruchtjoghurt auch normalerweise in leicht flüssiger Konsistenz vorliegen. Außerdem ist Zucker ein guter Energieträger. Meist ist der Geschmack fruchtig oder milchig. Beliebte Sorten sind Schokolade, Vanille oder Erdbeere.

Woraus besteht Trinknahrung?

Spezielle Geschmacksrichtungen entstehen durch die Zugabe eines Aromas. Weitere typische Bestandteile sind Wasser oder Milch, Speiseöl, modifizierte Stärke, hydrolisiertes Protein, künstliche Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Farbstoffe und Konservierungsstoffe.

Wie der Name bereits vermuten lässt, liegt Trinknahrung in flüssiger oder leicht breiiger Form vor oder wird als Pulver mit etwas Flüssigkeit angerührt. Proteine, Kohlenhydrate, Fette und Mikronährstoffe sind genau bedarfsgerecht enthalten.

Wann wird Trinknahrung verschrieben?

Trinknahrung ist ein wichtiger Bestandteil der Ernährungstherapie schwer kranker Menschen. Zunächst wird die normale Ernährung so modifiziert, dass sie den speziellen Nährstoff-Anforderungen einer Erkrankung gerecht wird.

Falls die Anpassung der Ernährung nicht möglich ist, oder nicht den gewünschten Effekt erzielt, wird Trinknahrung als nächste ernährungstherapeutische Maßnahme eingesetzt.

Bei folgenden Krankheitsbildern kann eine Therapie mit Trinknahrung nötig sein:

  • schwere Infektionen und Verletzungen
  • Kau- und Schluckstörungen
  • nach Operationen
  • chronisch entzündliche Darmerkrankungen
  • Kurzdarmsyndrom
  • Stoffwechselerkrankungen
  • mehrere Nahrungsmittelallergien
  • chronische Lebererkrankungen
  • Niereninsuffizienz
  • Krebserkrankungen

Was sind Alternativen zur Trinknahrung?

Wenn der Einsatz von Trinknahrung nicht möglich ist, erhält der Patient seine Kalorienzufuhr im nächsten Schritt über eine Magensonde (enterale Ernährung).

Dabei wird ein Schlauch meist über die Nase in den Magen gelegt (transnasal). Der natürliche Weg der Nahrung über den Magen-Darm-Trakt (enteraler Weg) bleibt weitgehend erhalten. Nur der Mund und Rachen werden ausgespart.

Durch die enterale Ernährung gelangt Nahrung in den Körper, die bereits in ihre Einzelbausteine zerlegt wurde und besonders leicht aufgenommen werden kann. Der Darm wird entlastet, da die Nährstoffe bereits im oberen Darmabschnitt vollständig resorbiert werden können.

Wie viele Kalorien hat Trinknahrung?

Je nach Anzahl der Kalorien pro Milliliter wird zwischen niedrig-, normo- und hochkalorischer Trinknahrung unterschieden. Sie enthalten folgende Energiedichte:

  • niedrigkalorisch: bis zu 0,9 kcal/ml
  • normokalorisch: 1 kcal/ml
  • hochkalorisch: mehr als 1,1 kcal/ml

Es gibt sehr hochkalorische Trinknahrung mit bis zu 5 kcal/ml, die in 120 ml Trinkflaschen angeboten wird. Insgesamt werden mit einer Trinkflasche bereits 600 Kalorien eingenommen. Nur im Vergleich: die gleiche Menge Orangensaft hat eine Energiedichte von 48 Kalorien. Selbst Vanilleeis kommt nur auf circa 165 Kalorien pro 120 ml.

Hilft niedrigkalorische Trinknahrung beim Abnehmen?

Bei Patienten mit starkem Übergewicht (Adipositas) wird der Einsatz niedrigkalorischer Trinknahrung zur Gewichtsreduktion erprobt. Allerdings scheitert die Umsetzung häufig an der Kooperation der Patienten. Kauen ist ein wichtiger Bestandteil des Genusses beim Essen, auf den viele nicht langfristig verzichten wollen.

Außerdem fördert Kauen das Sättigungsgefühl und steuert so unser Essverhalten. Wer sich ausschließlich von Trinknahrung ernährt und diese nicht genau bemisst, nimmt mehr Nahrung zu sich und verspürt dennoch ein geringeres Sättigungsgefühl.

Welche Trinknahrung wird bei Untergewicht empfohlen?

Untergewicht kann viele Ursachen haben. Falls das einzige Ziel jedoch lautet Gewicht zuzunehmen, sind alle medizinischen hochkalorischen Trinknahrungsprodukte grundsätzlich geeignet.

Pro Tagen werden circa 1000 Kalorien zusätzlich eingeplant. Damit soll eine Gewichtszunahme von einem Kilogramm pro Woche erreicht werden. Der Großteil der Energie wird als Fett eingenommen. Damit die großen Fettmengen den Darm nicht belasten, enthalten viele Produkte mittelkettige Fettsäuren (MCT), die besonders leicht aufgenommen werden können.

Welche Trinknahrung wird bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen empfohlen?

Viele Anbieter spezieller Trinknahrung bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen bieten niedermolekulare Präparate an, in denen die Nährstoffe bereits in ihre Bestandteile aufgespalten sind. Andere setzen einen hohen Anteil mittelkettiger Fettsäuren (MCT) ein, die besser vom Körper aufgenommen werden können, oder fügen entzündungshemmende Zusätze wie Glutamin oder TGF-beta hinzu.

Allerdings konnten in mehreren Studien keine nennenswerten Vorteile einer modifizierten Nährstoffzusammensetzung gefunden werden. Derzeit wird meist hochmolekulare Trinknahrung empfohlen, um die Verdauungsarbeit des Darms nicht zu unterdrücken.

Warum wird Trinknahrung bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt?

Während akuter Krankheitsschübe bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kommt es häufig zu Appetitlosigkeit, Schmerzen und starken Durchfällen. Als Folge dessen nehmen viele Betroffene weniger Nahrung auf. Gleichzeitig ist der Grundumsatz erhöht und es wird mehr Energie verbraucht. Untergewicht und Mangelernährung sind das Resultat und ein großes Problem bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, vor allem bei Morbus Crohn.

Je nach Ausbreitung der Erkrankung kann es zu einem Mangel an Vitamin B12, Folsäure und Zink kommen. Bei starken Durchfällen sind die Spiegel an Kalium, Magnesium, Kalzium und Phosphat vermindert. Auch ein Vitamin-D-Mangel ist häufig zu finden.

Vor allem bei Kindern können Wachstumsverzögerungen als Folge der Mangelernährung auftreten. Bei älteren Patienten ist das Risiko an Osteoporose zu Erkranken erhöht. Insgesamt wird Mangelernährung mit einem deutlich stärkeren Krankheitsverlauf und einer reduzierten Lebensqualität in Verbindung gebracht.

Wann wird Trinknahrung, wann eine Magensonde empfohlen?

Eine Ernährungstherapie trägt dazu bei, ein normales Körpergewicht beizubehalten und dem Körper ausreichend Nährstoffe zu bieten. Falls feste Nahrung den Energiebedarf bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen nicht ausreichend decken kann, fällt die Wahl auf Trinknahrung oder die Ernährung über eine Magensonde. Dabei wird folgendermaßen vorgegangen:

  • wenn eine zusätzliche Energiezufuhr von weniger als 600 Kalorien pro Tag erforderlich ist, wird Trinknahrung eingesetzt
  • bei einer zusätzlichen Energiezufuhr von mehr als 600 Kalorien pro Tag sollte die Ernährung über eine Magensonde bevorzugt werden

WIe wirkt sich Trinknahrung auf den Krankheitsverlauf bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen aus?

Studien haben gezeigt, dass eine Ernährungstherapie den Heilungsprozess bei Morbus Crohn unterstützen kann und symptomfreie Phasen (Remissionserhalt) verlängert. Für Patienten mit Colitis Ulcerosa wurden keine Auswirkungen auf den Heilungsprozess und Remissionserhalt festgestellt.

In beiden Fällen sollte eine Ernährungstherapie erfolgen, wenn Untergewicht und Mangelernährung zu Komplikationen führen.

Wo kann ich Trinknahrung kaufen?

Trinknahrung ist in der Apotheke und in verschiedenen Drogeriemärkten und Supermärkten erhältlich. Beim Kauf sollte darauf geachtet werden, dass es sich um ein medizinisches Produkt handelt, das auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Falls ein Arzt die Trinknahrung verordnet, übernehmen auch gesetzliche Krankenkassen die Kosten.

Quellen

Bischoff, S. C., Koletzko, B., Lochs, H., & Meier, R. (2014). Klinische Ernährung in der Gastroenterologie (Teil 4)–Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Aktuel Ernahrungsmed, 39, e72-e98.

Staudte, H., & Sigusch, B. W. (2010). Einfluss der mastikatorischen Funktion auf die Ernährung. ZWR-Das deutsche Zahnärzteblatt, 119(03), 110-116.

Wolf, E. (1998). Künstliche Ernährung: Wenn Essen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Pharmazeutische Zeitung. 31/1998. Online abgerufen am 12.05.2019 unter: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/inhalt-31-1998/titel-31-1998/.

Lünen, V. V. (2011). Trinknahrungen: Aus dem All ans Krankenbett. Pharmazeutische Zeitung. 03/2011. Online abgerufen am 16.05.2019 unter: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-032011/trinknahrungen-aus-dem-all-ans-krankenbett/.

Andre Sommer

André Sommer, Arzt und Autor bei reizdarm.one

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