Chronische Obstipation – was hilft gegen Verstopfung?

Die Verdauung ist eine wesentliche Funktion unseres Körpers und gehört genauso wie Schlafen, Essen und Trinken zum menschlichen Alltag.

Doch etwa jeder zehnte Europäer leidet unter einer Einschränkung der Verdauung durch Verstopfung, die im medizinischen Jargon Obstipation genannt wird. Laut Statistik leiden Frauen doppelt so häufig an Verstopfung wie Männer. Darüber hinaus steigt das Risiko für Verstopfung mit zunehmendem Alter. Verstopfung erhöht das Risiko für bestimmte Krankheiten wie Hämorrhoiden oder Divertikulose.  Obstipation ist also ein weitverbreitetes Phänomen und wenn du betroffen bist, bist du sicherlich nicht alleine.

Betroffene stellen sich häufig die Frage: Was hilft gegen Verstopfung? Wenn du dich auch fragst, welche Maßnahmen wirklich Abhilfe schaffen können, bist du hier genau richtig. Der folgende Text gibt dir Antworten auf deine Fragen rund um das Thema Verstopfung.

Wie ist chronische Verstopfung definiert?

Um gegen etwas angehen zu können, ist es lohnenswert, sich das Problem im Detail anzuschauen und sich zu fragen: Wie definiert man eigentlich eine chronische Verstopfung?

Nach medizinischen Leitlinien spricht man genau dann von chronischer Verstopfung, wenn man mehr als drei Monate lang unter unbefriedigenden Stuhlentleerungen und zusätzlich unter zwei der folgenden Symptome leidet:

  • weniger als drei Stuhlgänge pro Woche
  • starkes Pressen
  • harter oder klumpiger Stuhl
  • dem Gefühl, den Darm nur unvollständig entleeren zu können
  • dem Gefühl, der Darm ist eingeengt, blockiert oder verschlossen
  • bei mindestens jedem vierten Toilettengang muss manuell nachgeholfen werden (z.B. mit der Hand oder dem Arm), um den Stuhlgang zu erleichtern

Was sind mögliche Ursachen für Verstopfung?

Um zu verstehen, was gegen Obstipation hilft, sollte man die wichtigsten Risikofaktoren für Verstopfung kennen. Die bedeutendsten Risikofaktoren sind:ursachen_verstopfung

  • Ernährung und Bewegung: Faser- und ballaststoffarme Ernährung (z.B. Weißbrot, Süßigkeiten) kann Obstipation fördern. Auch wer sich zu wenig bewegt oder wenig Flüssigkeit zu sich nimmt, erhöht das Risiko für eine Verstopfung.
  • Störung des Darm-Nervensystems: Das Nervensystem des Darms (enterisches Nervensystem) steuert die Darmbewegungen, die für die Verdauung sehr wichtig sind.
  • bei Verstopfung kann die Darmbeweglichkeit (Motilität) gestört sein. Insbesondere bei der Slow­Transit-Obstipation sind die Schrittmacherzellen (Cajal-Zellen) vermindert. Die Schrittmacherzellen kann man mit den Zellen im Herzen vergleichen, die den Herzschlag vorgeben. Wenn diese Zellen im Darm fehlen, verringert sich die Darmbewegung und die Verdauung verlangsamt sich – Verstopfung ist die natürliche Folge.
  • Unterdrückung des Stuhlgangs: Wird es vermieden auf die Toilette zu gehen (z.B. in Stresssituationen, aus Ekel oder wegen Zeitmangel), fördert dies ebenfalls Verstopfung.
  • Änderung der Lebensumstände: Kommt es zu einer plötzlichen Änderung der Lebensumstände, etwa wegen eines Umzugs, Urlaubs oder Arbeitsplatzwechsels, so ist der Körper in einem dauerhaft aktivierten Zustand. Mediziner sprechen in diesem Fall von einer Sympathikus-Aktivierung. Dies führt zu einer Verlangsamung der Verdauung, was Obstipation zur Folge haben kann.
  • Nebenwirkungen von Medikamenten: Die Einnahme bestimmter Medikamente kann zuVerstopfung führen.

Bestimmte Krankheiten können dazu führen, dass sekundäre Obstipation entsteht. Zu diesen Krankheiten gehören:

  • Hormonstörungen (z.B. Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, Nebenschilddrüsenüberfunktion)
  • Erkrankungen des Nervensystems (z.B. Parkinson, Multiple Sklerose)
  • Tumore (z.B. Darmkrebs)
  • psychiatrische Erkrankungen (z.B. Depressionen, Somatisierungsstörung)
  • andere funktionelle Darmerkrankungen (z.B. Reizdarm)

Bestehen neben der Obstipation zusätzliche Beschwerden wie Völlegefühl, Bauchschmerzen und Blähungen, liegt ein Verdacht auf Reizdarm-Symptome nahe. Zur Abklärung des Reizdarmsyndroms sollte deshalb eine genaue Reizdarm-Diagnostik durch einen Arzt erfolgen.

Welche Medikamente haben Verstopfung als Nebenwirkung?

Bestimmte Medikamente können Obstipation fördern. Aus medizinischer Sicht spricht man dann von einer sekundären Obstipation. Folgende Medikamente können als Nebenwirkung Verstopfung auslösen:

  • Opiate (z.B. Morphin als Schmerzmittel)
  • trizyklische Antidepressiva (TCA)
  • Anticholinergika (z.B. bei Pakinson)
  • Antikrampfmittel (Spasmolytika)
  • Medikamente gegen Sodbrennen (Kalziumhaltige Antazida)
  • Antipsychotika (Neuroleptika)
  • Antiepileptika
  • Antiallergika (Antihistaminika)
  • Cholesterin-Hemmer (z.B. Colestyramin)
  • Blutdruckmedikamente
  • Wassertabletten (Diuretika wie Thiazide und Sulfonamide)
  • Nahrungsergänzungsmittel (z.B. Eisenpräparate)
  • Hustenmittel (Codeinhaltige Präparate)

Wie wird Verstopfung diagnostiziert?

Bevor entschieden wird, was individuell gegen Verstopfung hilft, muss unbedingt eine gesicherte Diagnose durch einen Arzt erfolgen.

Die folgenden Untersuchungsschritte gehören zur medizinischen Grunddiagnostik chronischer Obstipation:

  • Anamnese (Stuhlverhalten, Begleitsymptome, Vorerkrankungen, Medikamente, familiäre Vorbelastung)
  • körperliche Untersuchung mit digitaler, rektaler Untersuchung (Tastuntersuchung des Enddarms)
  • Ultraschall des Bauchraumes
  • gynäkologische Untersuchung (bei Frauen)

Bei Betroffenen, die über 55 Jahre alt sind, wird zusätzlich noch eine Darmspiegelung (Koloskopie) durchgeführt. Auch bei jüngeren Betroffenen ist bei Alarmsignalen eine Koloskopie sinnvoll, um Darmkrebs ausschließen zu können. Typische Warnsignale sind:

  • Blut im Stuhl
  • Blutarmut (Anämie)
  • Gewichtsverlust (um mehr als zehn Prozent des Körpergewichts innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten)
  • familiäre Häufung von Darmkrebs
  • Lymphknotenvergrößerung (im Becken und im Bauchraum)
  • Durchfall und Verstopfung im Wechsel (paradoxe Diarrhoen)

Welche weiterführende Diagnostik kann durchgeführt werden?

Zur erweiterten Basisdiagnostik können auch eine Ultraschalluntersuchung des Bauches, ein Blutbild inklusive CRP, die Bestimmung des Nüchtern-Blutzuckers, sowie des Schilddrüsenhormons (TSH), der Elektrolyte und der Nieren- und Leberwerte gehören. Wird die Lebensqualität des Betroffenen stark durch die Obstipation beeinträchtigt und verschaffen herkömmliche Maßnahmen keine Abhilfe, dann sollte eine umfassendere ärztliche Untersuchung erfolgen.

Hierzu eignen sich unter anderem folgende Untersuchungsmethoden:

  • Kolontransitstudien: Hier wird ähnlich wie beim Hinton-Test mit speziellen Röntgenaufnahmen die Zeit gemessen, die der Darminhalt für die Darmpassage braucht (Tansitzeit). Diese Untersuchung kann Hinweise auf eine Kolontransitstörung liefern.
  • Anorektale Manometrie: Diese Untersuchung gibt Hinweise auf einen Morbus Hirschsprung (eine Nervenkrankheit des Darms) und eine Störung der Koordination der Beckenboden- und Schließmuskel-Koordination. Besteht der Verdacht auf eine solche sogenannte Beckenbodendyssynergie hilft Biofeedback-Training.
  • Defäkographie: Mit einem MRT (Kernspintomographie) können Auffälligkeiten im Aufbau des Darms festgestellt werden.
  • Ballonexpulsionstest: Hier wird die Fähigkeit zur Stuhlentleerung mit einem wassergefüllten Ballon getestet.

Wie wird Verstopfung von einer Stuhlentleerungsstörung abgegrenzt?

Wie bereits deutlich wurde, sind die Diagnosen Obstipation und Stuhlentleerungsstörung unterschiedlicher Natur. Es ist daher sehr wichtig die beiden Krankheitsbilder voneinander abzugrenzen, da die Stuhlentleerungsstörung eine andere Form von Therapie erfordert, als im Falle einer Obstipation. Bristol Stuhlformen Skala Verstopfung Obstipation

Bei einer Stuhlentleerungsstörung kann der Stuhl nur mühsam entleert werden. Anders als bei Verstopfung kann es hier auch schwerfallen, weicheren Stuhl zu entleeren. Folgen sind die unvollständige Entleerung und die Notwendigkeit manueller Hilfe beim Stuhlgang.

Bei der Beschreibung der Stuhlform, die für die Diagnose von großer Wichtigkeit ist, hilft in der Anamnesephase die Bristol­-Stuhlformen­-Skala (engl. Bristol Stool Form Scale).

In der folgenden Tabelle sind die verschiedenen Stuhltypen aufgeführt, die bei der Diagnose von Obstipation helfen können. Hierbei weisen die Stuhltypen 1 und 2 auf eine Verstopfung hin, wobei Stuhltypen 3 und 4 als normal gelten.

Experten-Tipp:

Um den Stuhlgang für den Körper möglichst natürlich zu gestalten und eine leichte Entleerung zu ermöglichen, sollte man sich idealerweise in eine Hockposition begeben. Da dies bei Toiletten europäischer Bauart kaum mehr möglich ist, kann es helfen, einen kleinen Hocker beim Toilettengang unter die Füße zu stellen.

 

verstopfung

Welche Krankheiten können Verstopfung fördern?

Für Ärzte und Patienten ist es häufig nicht leicht, die Ursachen für Obstipation zu finden. Meist werden unspezifische Beschwerden wie eine erhöhte Stuhlfrequenz, Schmerzen oder Blähungen geschildert. Dies macht es schwierig, eine chronische Verstopfung von anderen Krankheiten zu unterscheiden und abzugrenzen. Insbesondere besteht die Gefahr, Verstopfung mit charakteristischen Reizdarm-Symptomen zu verwechseln. Auch Motilitätsstörungen, die zur Slow-Transit-Verstopfung führen, müssen von einfacher Verstopfung abgegrenzt werden. Bei Motilitätsstörungen ist die Beweglichkeit des Darms eingeschränkt.

Welche Medikamente helfen gegen Verstopfung?

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Kommen wir nun zur wichtigsten Frage: Welche Medikamente und Hausmittel helfen wirklich gegen Verstopfung?

Manche Menschen neigen aus unterschiedlichen Gründen dazu, ihren Stuhldrang teils mehrere Tage zu unterdrücken. Dies kann das Risiko für Verstopfung erhöhen. Neben einem gesunden Lebensstil mit einer ballaststoffreichen (das bedeutet faserreichen) Ernährung, ausreichendem Trinken (1–2 Liter pro Tag) und genügend Bewegung, helfen zusätzlich eingenommene Ballaststoffe erfahrungsgemäß gut gegen Verstopfung. Hierzu eignen sich besonders lösliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen und Pektin oder nichtlösliche Ballaststoffe wie Weizenkleie. Neben Ballaststoffen werden laut neusten medizinischen Leitlinien auch bestimmte Abführmittel (Laxanzien) empfohlen. Besonders sollen hier Macrogole, Natriumpicosulfat und Bisacodyl gegen chronische Verstopfung helfen. Diese können sogar während der Schwangerschaft eingesetzt werden. Auch Anthrachinone können bei Verstopfung Abhilfe schaffen. Darüber hinaus sind Probiotika ein hilfreiches Mittel gegen Verstopfung. In schweren Fällen können Prucaloprid (5-HT4-Agonist) oder Linaclotid zum Einsatz kommen.

Bei Verdacht auf chronische Verstopfung sollte jedoch immer Rücksprache mit einem Arzt gehalten werden. Nur so ist es möglich, die Ursachen zu ermitteln und die Behandlung genau auf die Bedürfnisse des Betroffenen abzustimmen

Quellen
Andresen, V., Enck, P., Frieling, T., Herold, A., Ilgenstein, P., Jesse, N., Karaus, M., Kasparek, M., Keller, J., Schemann, M. and Schwille-Kiuntke, J., 2013. S2k-Leitlinie Chronische Obstipation: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Z Gastroenterol, 51(7), pp.651-672. Online: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/021-019l_S2k_Chronische_Obstipation_2013-06_01.pdf, abgerufen am 06.02.2016
Stein, J. and Wehrmann, T. eds., 2006. Funktionsdiagnostik in der Gastroenterologie: Medizinische Standards. Springer-Verlag. Online: Funktionsdiagnostik in der Gastroenterologie, abgerufen am 06.02.2016
Kyle Thompson, this work with the title„Bristol Stool Chart“ [http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bris- tol_Stool_Chart.png] is licensed un- der the Creative Commons CC-BY- SA-3.0-migrated-with-disclaimers (http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:CC-BY-SA-3.0-migrated- with-disclaimers). No modifications were made
Pehl, C., 2014. Chronische Obstipation. coloproctology, 36(6), pp.495-505. Online: http://link.springer.com/article/10.1007/s00053-014-0488-z, abgerufen am 06.02.2016

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