Reizdarmsyndrom bei Kindern

Das Reizdarmsyndrom ist eine chronische Verdauungserkrankung, die auch schon bei Kindern auftreten kann. Gerade wenn auch Eltern vom Reizdarmsyndrom betroffen sind, ist das Risiko für ihre Kinder erhöht. Man vermutet, dass hierfür ein Wechselspiel aus Genen, Darmflora und sozialen Umständen verantwortlich ist. Bei Kindern ist das Reizdarmsyndrom eine besondere Herausforderung, da sie die Symptome anders kommunizieren. Dadurch ist die Abgrenzung von ähnlichen, teils gefährlichen Krankheiten, wie zum Beispiel Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa, besonders schwierig.

Sind auch bereits Kinder vom Reizdarmsyndrom betroffen?

Das Reizdarmsyndrom kann in jedem Alter auftreten, allerdings ist die Diagnose bei Kindern besonders schwierig zu stellen. Kinder unter einem Alter von acht bis zwölf Jahren können ihre Beschwerden nur schlecht beschreiben und lokalisieren. Deshalb sind die Eltern gefordert, ihr Kind zu beobachten und dessen Beschwerden zu verstehen und beschreiben zu können. Bei Kindern unter vier Jahren kann kaum eine Diagnose gestellt werden, da der Verdauungstrakt und das Nervensystem noch nicht voll ausgereift sind.

Was sind die Symptome von Reizdarm bei Kindern?

Die am häufigsten auftretenden Symptome bei Kindern sind:

Bei vielen Betroffenen beginnen die Symptome erst schleichend und werden oftmals zu Beginn im Magen verortet. Bei jedem Betroffenen können unterschiedliche Symptome auftreten, deshalb werden Betroffene in sogenannte Symptom-Typen eingeteilt (Durchfall-, Verstopfungs-, Mix- und Schmerztyp). Kinder über vier Jahre mit Reizdarmsyndrom haben gemeinsam, dass sie in den meisten Fällen Missempfindungen oder Schmerzen im Bauch haben. Liegen Schmerzen vor, werden diese häufig durch Stuhlgang besser. Außerdem kommt es oftmals zu einer Veränderung des Stuhlgangs mit einer veränderten Form, Farbe und Häufigkeit.

Was sind Alarmsymptome bei Kindern?

Weist ein Kind Symptome aus folgender Auflistung auf, besteht der Verdacht, dass kein Reizdarmsyndrom vorliegt, sondern andere Ursachen für die Symptome verantwortlich sind:

  • Fieber
  • Schmerzen unterhalb des Nabels
  • schwerer Durchfall
  • sichtbares Blut im Stuhl
  • ungewollte Gewichtsabnahme
  • Wachstums- und Entwicklungstörungen
  • Leistungsknick
  • chronisch-entzündliche Darmerkrankungen in der Familie (z.B. Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa)

Warum ist das Reizdarmsyndrom bei Kindern eine besondere Herausforderung?

Kinder mit Reizdarmsyndrom fühlen sich oft schlecht. Beim Durchfall-Typ merken Kinder häufig zu spät, dass sie auf die Toilette müssen. Aus diesem Grund sind den betroffenen Kindern soziale Situationen häufig unangenehm und peinlich. Als Folge ziehen sie sich zurück und möchten sich ungern mit Freunden treffen oder in die Schule gehen. Dies zieht oft auch eine psychische Belastung nach sich.

In der Regel entwickeln und wachsen Kinder mit Reizdarmsyndrom normal. In manchen Fällen essen betroffene Kinder bewusst weniger, um die Schmerzen zu vermeiden, die bei der Verdauung auftreten. Dies kann zu Gewichtsverlust führen.

Wie häufig ist das Reizdarmsyndrom bei Kindern?

Die Häufigkeit des Reizdarmsyndroms bei Kindern zu schätzen ist nicht ohne Weiteres möglich. Es ist schwierig, das Syndrom bei Kindern von anderen Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts abzugrenzen, da viele Kinder ihre Beschwerden noch nicht exakt beschreiben und lokalisieren können. Wie viele Kinder in Deutschland vom Reizdarmsyndrom tatsächlich betroffen sind, ist deshalb unklar. In der Langzeitstudie KIGGS des Robert-Koch-Instituts gaben Eltern von drei- bis zehnjährigen Kindern an, dass sie am häufigsten (69 Prozent) über Bauchschmerzen klagen. Die befragten elf- bis 17-Jährigen gaben an, dass ihre Schmerzen in 60 Prozent der Fälle im Bauch auftreten. Es wird geschätzt, dass von diesen Kindern mit Schmerzen in der Bauchregion rund 20 Prozent vom Reizdarmsyndrom betroffen sind.

Was ist die Ursache für das Reizdarmsyndrom bei Kindern?

Die Ursachen des Reizdarmsyndroms sind noch nicht vollständig erforscht. Meistens wird angenommen, dass der Darm eine veränderte Beweglichkeit (Motilität) aufweist und sensitiver ist als ein gesunder Darm. Hierdurch reagiert der Darm stärker auf Nahrung oder Stress, was zu den typischen Symptomen führen kann. Meistens beginnen die Symptome schleichend, häufig schon im Teenager- oder jungen Erwachsenenalter. Sie können aber auch spontan beispielsweise nach einer Magen-Darm-Infektion (postinfektiöses Reizdarmsyndrom) oder Medikamenteneinnahme (v.a. Antibiotika) auftreten.

Man kennt bis heute noch keine spezifischen Gene, die das Reizdarmsyndrom verursachen. Dennoch ist das Risiko für das Reizdarmsyndrom bei Kindern erhöht, deren Eltern betroffen sind. Hierfür ist wahrscheinlich ein Zusammenspiel von begünstigenden genetischen und sozialen Faktoren verantwortlich.

Entgegen der häufig getroffenen Annahme, bedeutet das Fehlen einer organischen Ursache nicht zwangsläufig, dass die Ursache psychisch ist. Das Reizdarmsyndrom tritt jedoch oft gemeinsam mit psychischem Stress und Belastungen auf. Ob diese beim Betroffenen aber der Auslöser der Erkrankung sind oder erst als Folge auftreten, ist schwer auszumachen.

Wie kann das Reizdarmsyndrom bei Kindern diagnostiziert werden?

Treten die Symptome über drei Monate rund einmal wöchentlich auf, sollte ein Kinderarzt eingeschaltet werden. Die Symptome des Reizdarmsyndroms sind auch typisch für viele andere Erkrankungen des Darms, wie z.B. für die Säuglingskolik, Darmträgheit oder Sodbrennen (gastroösophagealer Reflux). Deshalb müssen alle organischen Ursachen für die Beschwerden ausgeschlossen werden. Hierzu orientiert sich der Kinderarzt an den diagnostischen Standards der S3-Leitlinie und den Rom III/IV-Kriterien. So ist sichergestellt, dass keine organischen Ursachen für die Beschwerden vorliegen. Hierbei müssen insbesondere anatomische Besonderheiten des Darms, bösartige und Stoffwechselerkrankungen (z.B. Schilddrüsenerkrankung) ausgeschlossen werden.

Zur Basis-Diagnostik gehören:

  • körperliche Untersuchung
  • Blutuntersuchung
  • Urinprobe
  • Stuhltest

Bei Verdacht auf eine Laktose– oder Fruktoseunverträglichkeit können außerem Wasserstoff-Atemtests durchgeführt werden.

Welche Therapien gibt es für Kinder mit dem Reizdarmsyndrom?

Da es keine heilende Therapie für das Reizdarmsyndrom gibt, zielen die Behandlungen darauf ab, die Symptome im Alltag zu reduzieren und die Darmtätigkeit zu verbessern. Insgesamt soll die Therapie Betroffene befähigen, ein besseres Leben mit der chronischen Erkrankung zu führen und den Alltag wieder leichter bewältigen zu können. Eine Therapie setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Am wichtigsten sind meistens Ernährung, Verhaltenstraining und Stressbewältigung. Aber auch eine Medikation ist in schweren Fällen ratsam.

Ernährung

Wird das Kind dem Alter entsprechend und ausgewogen ernährt, sollte von einer Ernährungsumstellung zur Therapie abgesehen werden. Ist das Kind jedoch fehl- oder mangelernährt, sollte die Ernährung auf eine ausgewogene und altersgerechte Diät umgestellt werden. Ist eine Lebensmittelunverträglichkeit oder -allergie diagnostiziert worden, muss die Ernährung dementsprechend angepasst werden. Zu den häufigsten Unverträglichkeiten bei Kindern gehören Fruktose- und Laktoseintoleranz. Aber auch andere Unverträglichkeiten wie Histamin-, FODMAP- und Glutenunverträglichkeit kommen bei Kindern vor. Werden bestimmte Lebensmittel schlechte vertragen, können sie ein Auslöser (Trigger) von Reizdarm-Symptomen darstellen. Eine Einschränkung der Ernährung aufgrund von Unverträglichkeiten oder Allergien sollte immer zusammen mit einem Arzt besprochen werden, da das Risiko für Fehl- und Mangelernährung dadurch erhöht wird. Eine qualifizierte Ernährungsberatung kann auch gute Hilfestellung leisten.

Studien haben herausgefunden, dass Probiotika besonders bei Durchfällen sinnvoll sein können. Probiotika sind Mikroorganismen, die den Mikroorganismen des Verdauungstraktes ähnlich sind. Die Einnahme von Probiotika ist aber noch nicht abschließend erforscht und sollte mit dem Kinderarzt abgestimmt werden.

Verhaltenstraining, Bewegung und Stressbewältigung

Das Reizdarmsyndrom tritt gehäuft gemeinsam mit psychischen Belastungen des Kindes auf. Um diese Belastungsfaktoren behandeln zu können, können psychosoziale Therapieangebote in Anspruch genommen werden. Bewährte Therapieoptionen sind hierbei vor allem kognitives Verhaltenstraining oder bauchbezogene Hypnose. Bei einer kognitiven Verhaltenstherapie erlernen Kinder zusammen mit einem Therapeut, Situationen zu bewerten und leiten Verhaltensweisen ab. Das Kind kann sich so in zuvor als unangenehm empfundenen Situationen besser zurechtfinden und wird entlastet.

Zur Stressbewältigung haben Symptomtagebücher und Entspannungsverfahren, wie zum Beispiel Yoga oder progressive Muskelentspannung, bisher gute Wirkungen gezeigt.

Auch ausreichende Bewegung ist ein wichtiger Faktor. Betroffene Kinder neigen wegen der Symptome häufig dazu, ihre Aktivität einzuschränken. Dies ist jedoch kontraproduktiv, da sich moderate Bewegung positiv auf die Symptome auswirkt.

Wie können Eltern ihre Kinder mit Reizdarmsyndrom unterstützen?

Auch wenn für das Reizdarmsyndrom noch keine organischen Ursachen bekannt sind, sollten die Beschwerden des Kindes ernst genommen und behandelt werden. Eine enge Betreuung durch einen qualifizierten Arzt ist sehr wichtig. Ein Symptomtagebuch kann helfen Auslöser der Symptome zu identifizieren und umzustellen. Mittlerweile sind diese Tagebücher auch schon in digitaler Form verfügbar. Während schmerzhafter Episoden hilft es, das Kind spielerisch abzulenken, aber nicht durch körperliche Aktivitäten zu überfordern. Sollten die Schmerzen besonders stark sein, kann ein Schmerztherapeut unterstützend hinzugezogen werden.

Welche Folgen kann das Reizdarmsyndrom für Kinder haben?

Viele Kinder mit Reizdarmsyndrom leiden nicht nur unter Schmerzen, sondern fühlen sich auch in sozialen Situationen unwohl. Blähungen und Durchfall können Kinder insbesondere im Kindergarten oder in der Schule in peinliche Situationen bringen. Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder mit chronischen funktionellen Bauchschmerzen häufiger Ängste oder Depressionen entwickeln. Chronische Bauchschmerzen im Kindesalter können auch zu einem erhöhten Risiko für weitere körperliche und psychische Symptome wie z.B. Kopfschmerzen oder Angststörungen führen. Deshalb ist eine begleitende psychosoziale Betreuung wichtig. Sie kann nicht nur die Auslöser (Trigger) des Syndroms behandeln, sondern zeigt dem Kind auch, wie es in sozialen Situationen mit der Krankheit umgehen kann.

Quellen
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Layer, P., Andresen, V., Pehl, C., Allescher, H., Bischoff, S.C., Classen, M., Enck, P., Frieling, T., Haag, S., Holtmann, G. and Karaus, M., 2011. S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs-und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). Z Gastroenterol, 49(2), pp.237-293. Online: http://www.dgvs.de/fileadmin/user_upload/Leitlinien/Reizdarmsyndrom/Leitlinie_Reizdarmsyndrom.pdf, abgerufen am 23.01.2016.
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