Reizdarm-Diagnose – Wie kommt es zur Diagnose Reizdarmsyndrom?

Das Reizdarmsyndrom ist keine lebensgefährliche Krankheit, dennoch kann die Diagnose für Betroffene sehr belastend sein. Da keine genauen körperlichen Ursachen für das Reizdarmsyndrom zu finden sind, wird die Reizdarm-Diagnostik teils unnötig oft bei unterschiedlichen Ärzten wiederholt. Gehen Betroffene in kurzer Zeit zu mehreren Ärzten des gleichen Fachgebiets, ohne dass diese voneinander wissen, wird (teils abfällig) vom Ärztehopping gesprochen. Allein  in den USA entstehen vor allem durch die Reizdarm-Diagnostik über 30 Milliarden US-Dollar Gesundheitskosten. Da es kaum wirksame Reizdarm-Medikamente gibt, werden die Kosten nur zu etwa sechs Prozent durch Medikamente verursacht. Der übrige Teil setzt sich unter anderem aus Produktivitäts- und Arbeitsausfällen und Arztbesuchen zusammen.

Ärzte und Patienten sind daher angehalten, gemeinsam eine ausführliche und für den Patienten verständliche Reizdarm-Diagnose zu besprechen und durchzuführen. Nur so können Unsicherheiten beseitigt und Vertrauen in der Patienten-Arzt-Beziehung geschaffen werden. Dies stellt die Grundlage für eine erfolgreiche Behandlung des Reizdarmsyndroms dar. Gerade das Vertrauen zwischen Patient und Arzt ist essentiell in der teils Jahre dauernden Reizdarm-Therapie.

Wie ist das Reizdarmsyndrom definiert ?

In Deutschland werden die Diagnostischen Standards von der S3-Leitlinie Reizdarm festgelegt. Die S3-Leitlinie hat die Rom-III-Kriterien von 2006 abgelöst. Nach den deutsche Leitlinien liegt die  Krankheit des Reizdarmsyndroms vor, wenn folgende drei Punkte erfüllt sind.

  1. Es bestehen chronische, d. h. länger als drei Monate anhaltende Beschwerden (z.B. Bauchschmerzen, Blähungen), die von Patient und Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangsveränderungen einhergehen
  2. Die Beschwerden sollen begründen, dass der Patient deswegen Hilfe sucht und/oder sich sorgt und so stark sein, dass die Lebensqualität hierdurch relevant beeinträchtigt wird
  3. Voraussetzung ist, dass keine für andere Krankheitsbilder charakteristischen Veränderungen vorliegen, welche wahrscheinlich für diese Symptome verantwortlich sind

Was sind die Grundbestandteile der Reizdarm Diagnose?

Für die Diagnose Reizdarm sind zwei Dinge entscheidend

1) Anamnese: Patient und Arzt klären gemeinsam Muster und Ausmaß der Reizdarm-Beschwerden. Dabei werden Auslöser (Trigger), Dauer und Zeitpunkt der Reizdarm-Symptome erfasst. Digitale oder analoge Symptom- und Ernährungstagebücher helfen bei der Anamnese.

2) Ausschluss anderer Ursachen: das Reizdarmsyndrom kann man bis heute nicht direkt nachweisen. Deshalb ist die Reizdarm-Diagnose eine Ausschlussdiagnose, bei der vorher andere Erkrankungen (Differentialdiagnosen) mit ähnlichen Symptomen abgeklärt werden. Ganz wichtig bei der Reizdarm-Diagnose ist der Ausschluss von anderen lebensgefährlichen Krankheiten. Hierzu finden neben einer Darmspieglung (Ileokoloskopie) unter anderem eine allgemeine körperliche und gynäkologische Untersuchung statt; außerdem eine Ultraschall-, Blut-, Stuhl- und Urinuntersuchung. Zusätzlich können in Verbindung mit einem Symptomtagebuch gezielt Nahrungsmittel-unverträglichkeiten festgestellt werden.

Welche Krankheiten werden bei der Reizdarm Diagnose ausgeschlossen?

Nicht bei jedem Reizdarm-Verdacht müssen alle infrage kommenden Krankheiten (Differentialdiagnosen) ausgeschlossen werden. Vielmehr richtet sich die Reizdarm-Diagnostik nach den Leitsymptomen. Dabei lassen sich vier Gruppen unterscheiden:

  1. Durchfall (Diarrhö) als Leitsymptom bei Verdacht auf einen Reizdarm
  2. Verstopfung (Obstipation) als Leitsymptom bei Verdacht auf einen Reizdarm
  3. Schmerz als Leitsymptom bei Verdacht auf einen Reizdarm
  4. Blähungen (Flatulenz) und Blähbauch (Distension) als Leitsymptom bei Verdacht auf einen Reizdarm

In folgender Tabelle befindet sich eine Auswahl an Krankheiten (Differenzialdiagnosen), die je nach Leitsymptom für eine Reizdarm-Diagnose ausgeschlossen werden sollten:

Reizdarm Leitsymptom Wichtige Differentialdiagnosen
Durchfall Darminfektion mit Bakterien, Viren, Pilzen oder Parasiten
Dünndarmfehlbesiedlung (Small Intestinal Bacterial Distension Overgrowth, SIBO)
chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Zöliakie
Kohlenhydratmalabsorption (z.B. Laktose, Fructose und Sorbitol)
Diabetes/ exokrine Pankreasinsuffizienz
Nahrungsmittelallergie
Nebenwirkungen von Medikamenten oder Missbrauch von Abführmitteln (Laxanzien-Missbrauch)
Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)
Darmkrebs
Verstopfung Nebenwirkung von Medikamenten (z.B. Opiate, Anticholinergika, Antihypertensiva, Antidepressiva)
Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) oder Hypoparathyreoidismus
Darmkrebs
Ausstülpungen im Darm (Divertikel-Krankheit)
Schmerz Morbus Crohn
Tumor
Endometriose
Eierstockkrebs (Ovarialtumor)
Verengung des Dünndarms (Stenosen)

 

Schmerz-Störung nach Bauch-OP
Blähungen Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO)
Kohlenhydratmalabsorption
Schmerz-Störung nach Bauch-OP
FODMAP-Unverträglichkeit

Auch können Nerven- oder Muskelkrankheiten für ähnliche Symptome verantwortlich sein. Hierzu gehören:

  • Morbus Hirschsprung
  • chronisch intestinale Pseudoobstruktion (CIPO)
  • akute kolonische Pseudoobstruktion (ACPO, „Ogilvie-Syndrom“)
  • idiopathisches Megakolon oder Megarektum (IMC)
  • slow transit Verstopfung (Constipation)
  • anorektale Funktionsstörungen (z.B. Beckenbodendyssynergie, Anismus, Beckenbodenspastik)

Was gehört zur Reizdarm-Basisdiagnostik?

Neben der Reizdarm-Diagnose auf Basis der Leitsymptome empfehlen die Leitlinien generell ein großes Blutbild sowie die Bestimmung des Entzündungsmarkers CRP und der Blutsenkungsgeschwindigkeit BSG. Außerdem sollte eine Urinuntersuchung durchgeführt werden. Je nach Leitsymptom können sich dann folgende Untersuchungen anschließen:

  • Serum-Elektrolyte, Nierenretentionswerte, Leber- und Pankreasenzyme
  • TSH (Schilddrüsenhormon)
  • Blutzucker/HbA1c (Langzeitzucker)
  • Stuhl-Mikrobiologie (vor allem bei Durchfall)
  • Zöliakie-Antikörper (Transglutaminase-AK)
  • Calprotectin A/Lactoferrin im Stuhl
  • Wasserstoff-Atemtest (H2-Atemtest)

Wie zuverlässig ist die Reizdarm-Diagnose?

Bei etwa fünf von 100 Personen mit der Diagnose Reizdarm stellt sich innerhalb der folgenden sechs Jahre heraus, dass die Symptome eine andere (organische) Ursache haben, die zu einer Erkrankung des Verdauungssystems (gastrointestinale Krankheit) führt. Als Folge werden Patienten mit einer Reizdarm-Fehldiagnose teils jahrelang falsch behandelt. Durch die richtigen Untersuchungen lässt sich dieses Risiko aber stark minimieren.

Kann sich die Reizdarm-Diagnose mit der Zeit ändern?

Nach der anfänglichen Diagnose hat man in Studien den Verlauf des Reizdarmsyndroms verfolgt. Bei etwa jedem Zehnten verschlechtern sich die Symptome. Etwa jeder Zweite bis Dritte hat eine unveränderte Reizdarm-Diagnose mit gleichen Symptomen. Beim Rest der Betroffenen mit ursprünglicher Reizdarm-Diagnose verbessern sich die Symptome oder sie verschwinden ganz.

Können sich hinter der Reizdarm-Diagnose auch chronisch-entzündliche Krankheiten verbergen?

Ja, die Symptome für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (beispielsweise Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) und das Reizdarmsyndrom ähneln sich teils sehr, sodass ein Teil der Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung fälschlicherweise eine Reizdarm-Diagnose bekommt. Eine Darmspiegelung, Stuhl- und Blutuntersuchung kann eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung aber ausschließen.

Wie viele Zöliakie-Patienten bekommen eine falsche Reizdarm-Diagnose?

Auch bei Betroffenen, die an Zöliakie, einer Unverträglichkeit gegen den Weizenkleber (Gluten) leiden, wird teilweise erst eine Reizdarm-Diagnose gestellt. Dies hängt damit zusammen, dass etwa drei von vier Personen mit Zöliakie wie viele Reizdarm-Patienten unter Bauchschmerzen und Blähungen leiden. Bei der Hälfte dieser Personen wird das Reizdarmsyndrom fehldiagnostiziert und die Reizdarm-Diagnose langfristig fälschlicherweise aufrechterhalten. Etwa ein Drittel der Personen erhält eine psychische Störung als Fehldiagnose. Diese Fehldiagnose führt dazu, dass von ärztlicher Seite eine psychische Krankheit behandelt wird, obwohl in Wahrheit mit der Zöliakie eine organische Ursache für die Beschwerden vorliegt. Für jeden Fünften dauert es über zehn Jahre bis die falsche Reizdarm-Diagnose korrigiert wird.

Kann sich hinter der Reizdarm-Diagnose auch Darmkrebs verbergen?

Darmkrebs (Kolorektales Karzinom) ist eine der häufigsten Krebsarten. Es hat sich gezeigt, dass nach etwa einer von hundert Reizdarm-Diagnosen im ersten Jahr nach der Diagnose Darmkrebs gefunden wird. Diese Rate ist höher als in der Normalbevölkerung und zeigt, dass sich in seltenen Fällen hinter der Reizdarm-Diagnose unentdeckter Darmkrebs verbirgt. Deshalb gehört zur korrekten Reizdarm-Diagnostik ein Ausschluss von Darmkrebs durch eine Darmspiegelung. Der klinische Alltag zeigt jedoch, dass Ärzte sich nicht immer an den anerkannten Diagnoseweg halten und vorschnell Reizdarm diagnostizieren.

Können Reizdarm-Symptome auch mit Eierstockkrebs verwechselt werden?

Fast neun von zehn Frauen mit Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom) haben typische Reizdarmsymptome. Zur korrekten Reizdarm-Diagnostik bei Frauen zählt daher immer eine gynäkologische Untersuchung durch einen Frauenarzt.

Kann sich hinter der Reizdarmsyndrom-Diagnose eine psychische Krankheit verbergen?

Magen-Darm-Beschwerden können auch durch psychische Störungen verursacht oder verschlimmert werden. Besteht der Verdacht auf einen solchen Zusammenhang, wird empfohlen, psychologische, psychiatrische oder psychosomatische Unterstützung einzuholen, um gezielt psychische Störungen wie Angststörungen oder Depressionen zu diagnostizieren und zu behandeln. Psychische Störungen müssen nicht alleinige Ursache des Reizdarmsyndroms sein, kommen aber häufig zusammen mit einem Reizdarm vor.

Was tun nach der Reizdarm-Diagnose?

Nach einer gesicherten Reizdarm-Diagnose gilt es Ruhe zu bewahren. Das Reizdarmsyndrom ist eine ungefährliche Krankheit, die bei einem richtigen Management nur halb so schlimm ist. Nach einer frischen Diagnose sollte man sich umfassend über Reizdarm informieren, um die Krankheit besser kontrollieren und einschätzen zu können. Hierbei helfen Selbsthilfegruppen, aber auch hochwertige Informationsangebote im Internet oder Apps. Hilfreich ist es auch, sein Umfeld mit in die Therapie einzubeziehen, was beispielsweise das Einhalten eines strengen Therapieplans leichter macht.

Quellen
El‐Serag, H.B., Pilgrim, P. and Schoenfeld, P., 2004. Natural history of irritable bowel syndrome. Alimentary pharmacology & therapeutics, 19(8), pp.861-870. Online: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1365-2036.2004.01929.x/epdf, abgerufen am 24.01.2016
Layer, P., Andresen, V., Pehl, C., Allescher, H., Bischoff, S.C., Classen, M., Enck, P., Frieling, T., Haag, S., Holtmann, G. and Karaus, M., 2011. S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs-und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM. Z Gastroenterol, 49(2), pp.237-293. Online: http://www.dgvs.de/fileadmin/user_upload/Leitlinien/Reizdarmsyndrom/Leitlinie_Reizdarmsyndrom.pdf, abgerufen am 23.01.2016.
Drossman, D.A. and Dumitrascu, D.L., 2006. Rome III: New standard for functional gastrointestinal disorders. Journal of Gastrointestinal and Liver Diseases, 15(3), p.237. Online: http://www.jgld.ro/2006/3/5.html, abgerufen am 23.01.2016

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