Rifaximin – Hilfe bei Reizdarm und Dünndarmfehlbesiedelung?

Rifaximin ist ein Antibiotikum, welches oral eingenommen im Darm verbleibt und nicht in den Körper aufgenommen wird. Dort kann es Bakterien abtöten und ist deshalb beispielsweise für die Behandlung der Reisedurchfall zugelassen. Ein möglicher therapeutischer Effekt beim Reizdarmsyndrom ohne Verstopfungen und Dünndarmfehlbesiedelung wird ebenfalls diskutiert. Details dazu werden im folgenden Text erläutert.

Was ist Rifaximin?

Rifaximin ist ein Antibiotikum. Es hemmt die Proteinbiosynthese der Bakterien und tötet sie dadurch ab. Das besondere an Rifaximin ist, dass es bei Aufnahme durch den Mund komplett im Darm verbleibt und nicht bzw. nur unter einem Prozent durch die Darmschleimhaut in den Körperkreislauf aufgenommen wird. Dadurch entstehen keine systemischen Nebenwirkungen, wie sie sonst bei Antibiotika häufig auftreten. Allerdings wirkt es dementsprechend auch nur gegen Bakterien innerhalb des Darms. Die antibiotischen Effekte von Rifaximin sind zwar lokal begrenzt, aber umfassen eine Vielzahl von Bakterien, weswegen Rifaximin zu den Breitspektrumantibiotika zählt.

Bei welchen Krankheiten wird Rifaximin angewendet?

In Deutschland ist Rifaximin bei Reisedurchfällen (Reisediarrhoe) zugelassen, die zu einem großen Teil durch bestimmte Escherichia coliStämme verursacht werden. Dies gilt jedoch nicht für invasive Durchfälle, die mit Fieber oder Blut im Stuhl einhergehen. Eine weitere Indikation für das Antibiotikum ist die Vorbeugung der hepatischen Enzephalopathie, einer Hirnerkrankung, die durch eine Leberfunktionsstörung ausgelöst wird.

In anderen Ländern wurde das Medikament bereits für andere Anwendungen zugelassen. Dazu gehören:

Bei der pseudomembranösen Kolitis kommt es infolge einer intensiven Antibiotikatherapie zur Abtötung der physiologischen Darmbakterien und zu einer überschießenden Vermehrung des darmpathogenen Bakteriums Clostridium difficile. Dadurch entsteht eine Entzündung des Dickdarms mit Fibrinbelägen auf der Darmschleimhaut und heftige Durchfälle sind die Folge. Zum Teil reicht als Therapie der pseudomembranösen Colitis das Absetzen des Antibiotikums. Falls nicht müssen andere, gegen Clostridien wirksame Antibiotika wie Metronidazol oder Vancomycin eingesetzt werden – eine mögliche Alternative zu diesen Wirkstoffen ist zudem Rifaximin. Bisher sind auch die multiresistenten Staphylococcus aureus (MRSA) gegen Rifaximin sensibel, dies kann sich natürlich je nach Benutzung und Resistenzentwicklung verändern.

Wie wirkt sich Rifaximin auf die Darmflora aus?

Seit längerem wird angenommen, dass das Reizdarmsyndrom auf ein Ungleichgewicht der Darmbakterien zurückzuführen ist. Dazu kann es beispielsweise nach einem Magen-Darm-Infekt oder auch nach einer längeren Antibiotika-Einnahme kommen. Mit dieser Annahme als Grundlage gibt es die Therapieansätze, „gesunde“ Bakterien in den Darm einzubringen (z.B. über Probiotika oder die fäkale Mikrobiotatransplantation, auch als Stuhltransplantation bekannt) oder „krankheitsauslösende“ Bakterien aus dem Darm zu entfernen. In diesem Rahmen kam auch das Medikament Rifaximin zur Sprache, da es durch seine breite Wirksamkeit viele verschiedene Darmbakterien abtöten könnte und gleichzeitig durch die reduzierte Aufnahme in den Körper nur wenig Nebenwirkungen zeigt.

Welche Wirkung zeigt Rifaximin beim Reizdarmsyndrom?

Im Jahr 2011 wurden zwei Studien veröffentlicht, die vom Rifaximin-Hersteller Salix Pharmaceuticals in Auftrag gegeben worden waren und den Effekt von Rifaximin auf das Reizdarmsyndrom testen sollten. Insgesamt wurden 1.260 Patienten mit Reizdarmsyndrom ohne Verstopfungen untersucht.

  • Rifaximin-Gruppe: Eine Gruppe erhielt über zwei Wochen regelmäßig Rifaximin.
  • Placebo-Gruppe: Die andere Gruppe nahm stattdessen ein wirkstoffloses Placebopräparat ein.
  • Die Teilnehmer wussten nicht, ob sie in der Antibiotikum- oder in der Placebogruppe waren und wurden nach der Behandlung zu ihren Symptomen befragt.

In der Rifaximin-Gruppe gaben etwa 41 Prozent der Probanden eine Besserung ihrer Symptome an – doch auch in der Placebo-Gruppe behaupteten dies immerhin etwa 31 Prozent. Insbesondere die Symptome „Blähungen“ und „Völlegefühl“ besserten sich, was darauf zurückzuführen sein könnte, dass Bakterien für die zusätzliche Gasentwicklung verantwortlich sind und durch das Antibiotikum abgetötet wurden. Diese Unterschiede konnten auch noch nach zehn Wochen nachgewiesen werden, auch wenn bei einigen Probanden aus beiden Gruppen die Symptome zurückkehrten. Der Effekt war statistisch signifikant und dementsprechend nicht nur dem Zufall zuzuschreiben.

Wie ist der Einsatz von Rifaximin beim Reizdarmsyndrom zu bewerten?

Tatsächlich stellt sich bei diesen Studien jedoch zusätzlich die Frage, ob die Unterschiede klinisch relevant sind, ob also eine Einzelperson mit dem Reizdarmsyndrom tatsächlich von Rifaximin profitieren und eine merkliche Besserung spüren würde. Die veröffentlichte Studie schätzte die Medikamentenwirkung als klinisch relevant ein, während beispielsweise die Fachzeitschrift „Der Arzneimittelbrief“ zum gegenteiligen Ergebnis kam und von der Antibiotikagabe bei Reizdarmsyndrom abriet. Aufgrund dieser Unklarheiten, dem hohen finanziellen Aufwand der Therapie und dem Mangel an weiteren, unabhängigen Studien, die den Einfluss von Rifaximin auf das Reizdarmsyndrom untersuchen, ist das Medikament bisher in Deutschland nicht für diese Indikation zugelassen.

Was sind die Nebenwirkungen von Rifaximin?

Dadurch, dass Rifaximin kaum in den Körperkreislauf aufgenommen wird, sind systemische Nebenwirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten vernachlässigbar. Wie auch Placebopräparate führte das Medikament bei einigen Menschen zu:

Rifaximin sollte nicht bei blutigen Durchfällen angewendet werden, weil dabei größere Mengen des Antibiotikums in den Körper übergehen können und die Effekte davon nicht bekannt sind. Außerdem liegen zu wenige Daten vor, um vorherzusagen, wie Rifaximin bei Kindern und älteren Menschen wirkt. Bisher sind die Versuche, die Darmflora (Mikrobiom) eines Menschen, durch Eingriffe zu verändern, sehr experimentell. Es ist nicht abschließend geklärt, welche Bakteriengemische die ideale Darmflora darstellen und wie sie gezielt ausgewählt werden könnten. Eine Manipulation der Darmflora durch Antibiotika ist immer auch mit der Gefahr verbunden, andere Krankheiten, beispielsweise die pseudomembranöse Kolitis, zu provozieren.

Führt Rifaximin zur Resistenzentwicklung?

Eine weitere Sorge bei der zu häufigen oder zu breiten Anwendung von Rifaximin ist die Resistenzentwicklung. Das bedeutet, dass Bakterien lernen könnten, sich gegen das Mittel zur Wehr zu setzen und in der Folge nicht mehr damit behandelbar sind. Rifaximin ist verwandt mit dem Antibiotikum Rifaximin, welches ein wichtiges Medikament in der Tuberkulosebehandlung ist – eine Resistenzentwicklung gegenüber ähnlichen Antibiotika könnte deshalb fatal sein. Auch aus diesem Grund nehmen die zuständigen Behörden zurzeit Abstand von einer Empfehlung für die Behandlung vom Reizdarmsyndrom mit Rifaximin: Die Ausgabe an Millionen Betroffene könnte sehr schnell zu einer Resistenzentwicklung von Darmbakterien führen, ohne dass die Patienten einen ausreichenden Vorteil aus der Behandlung ziehen würden.

Bild: shutterstock

Quellen
P. Leyer et al. S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs-und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). 2011, Online unter http://www.dgvs.de/fileadmin/user_upload/Leitlinien/Reizdarmsyndrom/Leitlinie_Reizdarmsyndrom.pdf, abgerufen am 04.07.2016
M. Pimentel et al. Rifaximin therapy for patients with irritable bowel syndrome without constipation. New england journal of medicine, 2011, 364.1, S. 22-32. Online unter http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1004409, abgerufen am 04.07.2016
Rifaximin ist keine gute Wahl beim Reizdarm-Syndrom. Der Arzneimittelbrief, 2011, 45.14a Online unter http://www.der-arzneimittelbrief.de/de/daten/2011,45,14a_2366.pdf, abgerufen am 04.07.2016
H. S. Füeßl: Rifaximin beim Colon irritabile auch wiederholt effektiv. MMW – Fortschritte der Medizin, 2012, 154.6, S. 46. Online unter http://link.springer.com/article/10.1007/s15006-012-0392-9 abgerufen am 04.07.2016

Leave a Comment