Entgiftung – Helfen Detox-Anleitungen wirklich?

Im Internet und Zeitschriften kursieren viele Anleitungen und Mythen rund um das Entgiften (engl. Detox). Entgiftungskuren sind derzeit in aller Munde und versprechen gesundheits- und ernährungsbewussten Menschen eine Möglichkeit, ihren Körper von angereicherten Schadstoffen sicher zu reinigen und Krankheiten, wie beispielsweise dem Reizdarmsyndrom, zu heilen. Dabei hat sich eine regelrechte Entgiftungs-Industrie gebildet. Zum Beispiel haben Buchverlage, Getränke-, Vitamintabletten- und Lebensmittelhersteller, Hotelketten, Naturheilmediziner und Heilpraktiker Entgiftungskuren und Diäten für sich als Geschäftsmodell entdeckt.

Giftige (toxische) Schadstoffe reichern sich laut Befürwortern über die Nahrung, Alkohol, Nikotin, Plastikverpackungen, Trinkwasser und viele andere alltägliche Quellen im menschlichen Körper an und schädigen diesen. Angenommen wird hierbei, dass der Körper nicht in der Lage ist, sich selbst von den giftigen Substanzen zu reinigen. Entgiftungskuren versprechen Gesundheit, Schönheit und Linderung von Krankheiten wie zum Beispiel dem Reizdarmsyndrom.

Im Folgenden wird erklärt, wie Detox funktionieren, was Entgiftungs-Anleitungen bringen und ob Entgiftung eine mögliche ergänzende Therapie für das Reizdarmsyndrom darstellt. Außerdem wird auf mögliche Nebenwirkungen und Entgiftungs-Symptome eingegangen.

Entgiften– was steckt dahinter?

Entgiftungskuren sind stark vom altbekannten Heilfasten beeinflusst. Der menschliche Körper steht mit seiner Umgebung in direkter Interaktion. Durch Umwelteinflüsse wie Rauchen, Alkohol und ungesunde Ernährung lagern sich Schadstoffe im Körper ab. Diese verteilen sich im Körperwasser und vor allem im Fettgewebe. Durch Entgiftungskuren sollen diese Schadstoffe wieder aus dem Körper abtransportiert werden. Auch wenn Detox-Diäten derzeit wieder an Beliebtheit gewinnen, ist das Detox-Konzept keineswegs neu. Das durch den deutschen Arzt Dr. Otto Buchinger erstmals erwähnte Heilfasten existiert unter diesem Namen schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Aber sogar in der Antike findet man bei Hippokrates erste Hinweise über die heilende Wirkung des Entgiftens.

Kann eine Entgiftungs- oder Detox-Kur gefährlich werden?

Ja, bei bestimmten Erkrankungen wie beispielsweise Herz-Kreislauf- oder Nieren-Erkrankungen kann es zu gefährlichen Komplikationen kommen. Zum Beispiel kann eine gefährliche Entgleisung des Elektrolythaushalts die Folge sein. Auch Nierensteine können entstehen.

Was sind Nebenwirkungen und Symptome von Entgiftungskuren?

Treten Nebenwirkungen auf sollte jede Kur unbedingt unterbrochen werden. Zu den Nebenwirkungen und unerwünschten Symptomen gehören:

  • Kreislaufstörungen
  • Schwindel
  • Herzrhythmusstörungen
  • Kopfschmerzen
  • Gallenkoliken

Wie sieht eine Anleitung zum Entgiften aus?

Kerngedanke des Entgiftens ist der freiwillige Verzicht auf feste Nahrung und Genussmittel für einen gewissen Zeitraum. Ersetzt werden feste Lebensmittel traditionell durch Anteile von Gemüsebrühe, Obst- und Gemüsesäfte sowie Honig. Dabei wird viel Wert auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr in Form von Tee oder Wasser gelegt. Da eine Entgiftung vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen, aber auch Kinder, Stillende, Schwangere und ältere Menschen Gesundheitsgefahren bergen kann, ist von einer Entgiftung ohne ärztliche Aufsicht dringend abzuraten. Dies gilt insbesondere wegen Symptome, die aufgrund der starken körperlichen Umstellung im Zuge der Entgiftung auftreten können.

Anleitungen zum Entgiften enthalten Empfehlungen wie:

  • Verzicht auf prozessierte Lebensmittel, Zucker, Weißmehl, Gluten (Weizenkleber) und Hefe
  • Verminderte Kalorienzufuhr und vermehrte Bewegung
  • Verzicht von Nikotin, Kaffee und Alkohol
  • Verzehr von Superfoods wie Chia-Samen, Goji- und Acai-Beeren
  • Mindestens zweieinhalb Liter Flüssigkeitszufuhr
  • Abführmaßnahmen (Darmreinigung) vor und während der Entgiftungskur wegen der verminderten Eigenperistaltik des Darms
  • Anregung der Ausscheidungsfunktionen durch Maßnahmen wie Bewegung, Leberwickel, Zungen- und Zahnreinigung

Was sind die sogenannten Toxine?

In der Medizin wird der Begriff Toxin (Zellgift) für Stoffe verwendet, die aus dem Körper ausgeschieden werden müssen, da sie ihm andernfalls schaden können. Die giftigen Stoffe fallen im Körper bei Stoffwechselprozessen an und werden auch auf natürlichem Weg aus dem Körper wieder entfernt.

In der derzeit blühenden Detox-Industrie bekommt der Begriff eine erweiterte Bedeutung. Unter Toxine werden dort auch Metalle, Chemikalien, ungesundes Essen, Verschmutzungen und potentiell schädigende Substanzen verstanden. Offen bleibt hierbei die Frage, welche dieser sogenannten Toxine von den angepriesenen Detox-Substanzen eliminiert werden und auf welchem Weg dies genau geschieht. Die versprochene entgiftende Wirkung ist schwer wissenschaftlich zu untersuchen und zu beweisen. Bisher wurde keine größere aussagekräftige Studie durchgeführt, welche die Wirkung der in der Industrie umworbenen Entgiftungskuren beweist. Es gibt eine große Bandbreite an kommerziell angebotenen Detox-Diäten, die im Allgemeinen oft eine bessere Leistungsfähigkeit, Gesundheit, Symptomlinderung, strahlende Haut und vieles mehr versprechen.

Dies legt den Verdacht nahe, dass mutige Versprechungen gemacht werden, um den Verkauf von Produkten zu steigern. Hierzu wird auch mit der Verzweiflung von chronisch Kranken gespielt, die z.B. aufgrund eines Reizdarmsyndroms alle Behandlungsoptionen ausgeschöpft haben, aber trotzdem nicht die gewünschte Linderung erreicht haben.

Braucht der Körper Entgiftung?

Grundsätzlich ist Entgiftung eine unersetzliche Funktion des menschlichen Körpers. Alle Zellen des Körpers sind darauf angewiesen, die durch den täglichen Stoffwechsel anfallende Abfallstoffe aus dem Körper zu schleusen. Ohne diese Säuberungsfunktion des Körpers würden sich schädliche Stoffe wie zum Beispiel Harnsäure, Ammoniak und andere Säuren im Körper ansammeln und ihn schädigen.

Leber und Nieren tragen mit ihren Funktionen entscheidend zur Entgiftung des Organismus bei und ihre Funktionseinschränkung ist für den Menschen lebensbedrohlich.

Welche Rolle spielt der Darm bei Entgiftung?

Auch der Darm mit seinen Bakterien trägt zur Entgiftung des Körpers bei. Das im Darm befindliche Mikrobiom (Darmflora) ist ein wesentlicher Bestandteil der Verdauung und auch maßgeblich an der Entstehung des Reizdarmsyndroms beteiligt. Sind die in der Darmflora befindlichen Mikroorganismen nicht mehr in der Lage, die aufgenommenen Nährstoffe ausreichend zu verarbeiten, stellen sich Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen, Durchfall und Verstopfungen ein. Diese gehören zu den Symptomen des Reizdarmsyndroms. Es wurde festgestellt, dass das Reizdarmsyndrom mit einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmschleimhaut (Leaky Gut) und verstärkter Schmerzempfindung auf Dehnung der Darmwand, z.B. bei Blähungen assoziiert ist.

Eine Widerherstellung des Darmgleichgewichtes zur besseren Regulierung der Verdauung ist ein Ansatzpunkt der Entgiftungstherapien bei Reizdarmsyndrom.

Entgiftung und Darmsanierung – was ist der Unterschied?

Die in der Naturheilkunde angewandte Darmsanierung beruht auf der Annahme, dass es bei bestimmten Patienten eine Fehlbesiedlung im Darm gibt, welche der Körper nicht mehr selbstständig regulieren kann. Gründe dieser Dick- oder Dünndarmfehlbesiedlung können zum Beispiel sein

  • eine vorausgegangene Antibiotikatherapie
  • veränderte Essgewohnheiten
  • ein gastrointestinaler Infekt mit Durchfall

Die Darmsanierung beinhaltet die Reinigung und Säuberung des Darms von pathogenen, schädlichen Bakterien und Pilzen. Anschließend erfolgt der Wideraufbau der Darmflora mittels Aufnahme physiologischer Darmbakterien, die für die Funktion des Darms essentiell sind.

Demgegenüber steht die Entgiftung. Bei dieser wird der Körper durch Nahrungsrestriktion und vermehrte Flüssigkeitszufuhr zur Selbstreinigung angeregt. Der Fokus liegt dabei nicht so sehr auf der Zusammensetzung der Darmflora. Dennoch können sich die Methoden der Darmsanierung und Entgiftung überschneiden. Häufig sind nämlich auch Abführmaßnahmen (Darmreinigung) Teil einer Entgiftungskur. Zudem kann sich auch die Darmflora durch die Ernährungsumstellung beim Fasten verändern.

Hilft Entgiftung bei den Symptomen des Reizdarmsyndroms?

Obwohl es etliche Befürworter des medizinischen und gesundheitlichen Vorteils des Heilfastens gibt, ist sein Nutzen bei Reizdarmsyndrom wissenschaftlich nicht erwiesen. Die starke Heterogenität des Symptombildes macht es schwer, für alle Patienten ein einheitliches Therapiekonzept aufzustellen. Auch wirken nicht alle Therapien bei jedem Patienten, dies führt zu einer erschwerten und oft frustrierenden Behandlung.

Nach dem heutigen Wissensstand kann keine Empfehlung zur Entgiftung beim Reizdarmsyndrom ausgesprochen werden.

Quellen
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