Zöliakie – Wie erkennt man eine Glutenunverträglichkeit

Zöliakie (Synonym glutensensitive Enteropathie) ist eine chronische Darmerkrankung, bei der eine Unverträglichkeit gegenüber dem Klebereiweiß Gluten besteht. Kommt die Darmschleimhaut mit Gluten in Berührung, entzündet sich diese. Dadurch werden bei Personen mit Zöliakie charakteristische Darmbeschwerden hervorgerufen. Obwohl Betroffene meist ihr ganzes Leben an dieser Erkrankung leiden, lassen sich die Darmbeschwerden gut mit einer glutenfreien Ernährung behandeln.

Der Anzahl an glutenfreien Lebensmitteln in Supermärkten nach zu urteilen, leiden sehr viele Menschen an einer Glutenunverträglichkeit. Frauen sind davon etwa zwei bis dreimal häufiger betroffen als Männer. Dennoch zeigen nur etwa ein bis zwei Personen von 1000 die klassischen Zöliakie-Symptome. Nichtsdestotrotz ist der Markt für glutenfreie Lebensmittel groß. Bis 2018 wird eine Umsatzsteigerung für glutenfreie Produkte von 2,5 Milliarden (Stand 2010) auf über sechs Milliarden US-Dollar erwartet. Heute geht man davon aus, dass mehr Menschen an einer Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität leiden als an Zöliakie, darunter auch viele Personen  mit dem Reizdarmsyndrom. Diese vertragen zwar Gluten, sind jedoch empfindlich gegenüber anderen Bestandteilen des Weizens (z.B. FODMAPs). Beide Beschwerdebilder haben gemeinsam, dass bei ihnen glutenfreie Produkte besser vertragen werden.

Wie viele Menschen leiden in Deutschland an Zöliakie?

Etwa einer von 100 Deutschen hat die genetische Anlage für Zöliakie. Allerdings entwickeln nur etwa 10 bis 20 Prozent der Menschen mit einer genetischen Zöliakie-Anlage auch typische Zöliakie-Symptome. Der Rest hat keine oder untypische Symptome. Glutenunverträglichkeit besteht lebenslang und bricht bei Kindern im Alter zwischen einem und acht Jahren aus. Bei Erwachsenen tritt es am häufigsten im Alter zwischen 20 und 50 Jahren auf. (Altersgipfel)

Was sind typische Zöliakie-Symptome?

Nehmen Personen mit klassischer Zöliakie glutenhaltige Lebensmittel zu sich, zeigen sich relativ schnell Glutenunverträglichkeit-Symptome. Mit einer glutenfreien Ernährung lassen diese sich vermeiden. In welchem Ausmaß Symptome unter glutenhaltiger Ernährung auftreten, kann sehr unterschiedlich sein. .Auch können die jeweiligen Anzeichen unterschiedlich ausgeprägt sein.

Daher werden folgende Zöliakie-Formen ausgehend von bestimmten Symptomen unterschieden:

  • Klassische Zöliakie: es zeigen sich klassische Zöliakie-Symptome nach glutenhaltiger Nahrungsaufnahme (z.B. Darmbeschwerden, Mangelerscheinungen, Gewichtsverlust und Fettstühle)
  • Symptomatische Zöliakie: hier kommen vor allem Symptome außerhalb des Darms vor, z.B. Kopfschmerzen
  • Subklinische Zöliakie: es zeigen sich keine Symptome, aber die Tests sind positiv
  • Refraktäre Zöliakie: nach einer Zeit ohne Beschwerden treten erneut Anzeichen auf oder diese bessern sich trotz glutenfreier Ernährung nicht
  • Potentielle Zöliakie: im Blut können Zöliakie-spezifische Antikörper nachgewiesen werden, jedoch ist die Dünndarmschleimhaut unauffällig

Für die klassische Glutenunverträglichkeit sind folgende Symptome typisch:

  • Bauchschmerzen
  • Durchfall (Diarrhoe)
  • Verstopfung (Obstipation)
  • Blähungen (Meteorismus/Flatulenz)
  • Erbrechen
  • Hautveränderungen (z.B. Dermatitis herpetiformis Duhring)
  • Übel riechender und fettglänzender Stuhl (Steatorrhoe)
  • Kopfschmerzen oder Migräne
  • Müdigkeit
  • Reizbarkeit
  • Depressive Verstimmung
  • Blutarmut (Eisenmangel-Anämie)
  • Gewichtsverlust

Ist Zöliakie gefährlich?

Ja. Wenn Glutenunverträglichkeit nicht konsequent durch eine glutenfreie Ernährung behandelt oder zu spät erkannt wird, kann es zu teils erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen kommen. Diese hängen meistens mit einer schweren Entzündung der Darmschleimhaut zusammen. Dadurch kann der Darm nur verringert Nährstoffe aufnehmen.

Eine schlecht behandelte Zöliakie erhöht die Gefahr von Mangelzuständen, die sich negativ auf die Knochen- und Blutbildung auswirken können. Dazu gehören Mängel an

  • fettlöslichen Vitaminen, die zu Vitamin-K-abhängigen Blutungen und Vitamin-D-abhängiger Kochenaufweichung (Rachitis, Osteomalazie, Osteoporose) führen können
  • Zink
  • Folsäure
  • Vitamin B12
  • Eisen

Außerdem tritt Glutenunverträglichkeit häufig gemeinsam mit weiteren Beschwerden auf. Dazu gehören:

  • Kleinwuchs, Entwicklungsstörungen und verzögerte Pubertät
  • Frühgeburt
  • Muskelschwäche
  • Leberenzym-Veränderung (Transaminasen)
  • Eiweißmangel mit Wassereinlagerungen (Eiweißmangelödeme)
  • Unfruchtbarkeit (Infertilität)
  • Osteoporose
  • Nachtblindheit
  • Autoimmunerkrankungen (Diabetes mellitus Typ 1, Schilddrüsenerkrankungen/Autoimmunthyreoiditis)
  • intestinale T-Zell-Lymphome

Wie wird Zöliakie diagnostiziert?

Für die Zöliakie-Diagnose müssen verschiedene Aspekte berücksichtigt werden. Die Diagnostik sollte nach Möglichkeit vor dem Beginn einer glutenfreien Ernährung erfolgen, da die Ergebnisse sonstverfälscht sein können. Zu der Zöliakie-Diagnostik zählen

  • Anamnese: die geschilderten Zöliakie-Symptome durch den Patienten, Familienanamnese, Besserung der Symptome nach glutenfreier Diät
  • Blutuntersuchung (Zöliakie-Serologie, erhöhte Transglutaminase-IgA-Antikörper oder Endomysium-IgA-Antikörper ohne IgA-Mangel)
  • Gewebeprobe (Biopsie) des Dünndarms vor Beginn der glutenfreien Diät

Nur die Gewebeprobein Kombination mit der Blutuntersuchung kann eine Zöliakie nachweisen und gilt deshalb als Goldstandard der Diagnostik.

In welchen Getreidesorten kommt Gluten vor?

Gluten wird auch Klebereiweiß, Weizenkleber oder Getreidekleber genannt. Es ist vor allem in folgenden Getreidesorten enthalten:

  • Weizen
  • Roggen
  • Dinkel
  • Gerste
  • Hafer
  • Einkorn
  • Emmer
  • Khorasan-Weizen (Kamut)

Wie unterscheidet sich Zöliakie von einer Weizenallergie und Weizensensitivität?

Die Autoimmunkrankheit Zöliakie weist eine hohe Ähnlichkeit zu folgenden zwei Erkrankungen auf, so dass es häufig zu Verwechslungen kommt. Bei diesen beiden Beschwerden handelt es sich um:

  • Weizenallergie
  • Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivtät (kurz Weizensensitivität oder Weizenunverträglichkeit)

Zöliakie hat mit der Weizenallergie und der Weizensensitivität gemeinsam, dass Weizen nicht vertragen wird. Wird das Getreide trotzdem verzehrt , kommt es zu ähnlichen Darmbeschwerden wie Übelkeit, Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe, Durchfall oder Verstopfung. Die genetisch bedingte Autoimmunkrankheit Zöliakie tritt jedoch seltener auf als die Weizensensitivität und die Weizenallergie.

Wie unterscheiden sich Weizensensitivität und Weizenallergie?

Der Unterschied zwischen einer Weizensensitivität und einer Weizenallergie ist, dass es bei der Allergie zur Bildung von spezifischen Antikörpern (z.B. IgE) kommt, die im Blut meistens nachweisbar sind. Diese Antikörper fehlen bei der Weizensensitivität. Die Antikörper bei der Weizenallergie richten sich nicht gegen das Gluten, sondern gegen andere Weizeneiweiße wie Gliadine. Neben den charakteristischen Darmbeschwerden kommt es bei der Weizenallergie zusätzlich zu den typischen Zeichen einer allergischen Reaktion.  Kennzeichnend für eine Weizenallergie sind  Schwellungen oder ein Kratzgefühl (Mund, Nase, Augen und Rachen, Haut), Hautausschläge (Urticaria, atopisches Ekzem), sowie Atemwegsbeschwerden (Asthma, Atemnot).

Was zeichnet eine Weizensensitivität aus?

Bei der Weizensensitivität handelt es sich nicht um eine Allergie. Da es bis heute keine Nachweismethode für die Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität gibt, müssen zuvor eine Zöliakie und eine Weizenallergie ausgeschlossen werden. Ein Ernährungstagebuch (Symptomtagebuch) kann zusätzlich helfen, eine Weizensensitivität nachzuweisen. Heute geht man davon aus, dass bei einer Weizensensitivität, anders als bei der Zöliakie, nicht Gluten der unverträgliche Stoff ist. Vielmehr stehen das Weizenprotein Amylase-Trysin-Inhibitor (ATI) und FODMAPs im Verdacht, Auslöser einer Weizensensitivität zu sein. Interessanterweise hat sich durch die Züchtung neuer Getreidesorten und durch die Verwendung von Maissirup (Glucose-Fruktose-Sirup) zum Süßen die Konzentration von ATIs und FODMAPs in unserer Ernährung erhöht. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum zunehmend mehr Menschen angeben, bestimmte Getreideprodukte nicht mehr zu vertragen.

Es wird angenommen, dass ein Teil der Personen mit Reizdarm-Symptomen an einer Weizensensitivität leidet. Zusätzlich zur Weizenallergie, zur Zöliakie und zur Weizensensitivität wird diskutiert, ob es auch eine Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität (engl. Non-Coeliac Gluten Sensitivity, NCGS) gibt. Darüber  herrscht unter Forschern noch große Uneinigkeit. Es ist denkbar , dass die Betroffenen mit einer Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität zu den Personen mit Weizensensitivität gezählt werden können. Die folgende Tabelle zeigt  die Unterschiede zwischen Zöliakie, Weizensensitivität und Weizenallergie auf.

Unterschied zwischen Zöliakie, Weizensensitivität, Weizenallergie

Zöliakie Weizensensitivität Weizenallergie
Zeitraum zwischen Nahrungsaufnahme und Symptomen Wochen bis Jahre Stunden bis Tage Minuten bis Stunden
Ursache Angeborene Autoimmunerkrankung Empfindlichkeit gegen FODMAPs oder ATIs Allergie gegen wie Gliadine, Amylase-Trypsin-Inhibitoren, Thioredoxin oder Lipid-Transfer-Protein
Blutuntersuchung Transglutaminase-IgA-Antikörper oder Endomysium-IgA-Antikörper, Gene HLA DQ2 / DQ8 Keine Antikörper gegen Weizenproteine
Dünndarmentzündung stark leicht unbekannt
Diagnostik Dünndarmbiopsie, tTG-IgA- Ak Ausschluss-Diagnose, Ernährungstagebuch, Expositionstests IgE im Serum und Prick-Hauttest
Häufigkeit 0,9% 1–6% (geschätzt) Mehr als 1% (geschätzt)
Ernährung Glutenfrei (weniger als 20 Milligramm Gluten/kg) FODMAP-arme oder Weizen-arme Diät Weizenfreie Diät
Quellen
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