Salicylatintoleranz – Unverträglichkeit von Salicylsäure

Salicylsäure und ihre Salze, die Salicylate, sind Naturstoffe, die in vielen Lebensmitteln enthalten sind. Auch einige Medikamente nutzen diesen Wirkstoff. Doch bei einigen Menschen kommt es nach der Einnahme von Salicylaten zu Reaktionen, die denen einer Allergie ähneln. Wie eine  Salicylatintoleranz zustande kommt, wie man sie erkennt und wie sie behandelt wird, erfährst du hier.

Was sind Salicylate?

Salicylate sind die Salze der Salicylsäure. Dabei handelt es sich um eine Säure, die von Pflanzen produziert wird. Wegen ihrer antimikrobiellen Wirkung schütten manche Pflanzen vermehrt Salicylsäure aus, um sich vor Schädlingen zu schützen.

In der Medizin findet ein Reaktionsprodukt der Salicylsäure, die Acetylsalicylsäure (ASS) weitreichende Anwendung. Sie ist besser unter dem Handelsnamen Aspirin bekannt und wirkt entzündungshemmend, schmerzstillend und blutgerinnungshemmend („Blutverdünner“). Auch in vielen Kosmetika sind geringe Konzentrationen von bis zu zwei Prozent Salicylsäure enthalten. In Konzentrationen von bis zu fünf Prozent wird Salicylsäure als Medikament gegen Akne eingesetzt.

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Abb.1: Struktur der Salicylsäure

        

Wie kommt es zu einer Salicylatintoleranz?

Um die Auslöser einer Salicylatintoleranz zu verstehen ist es wichtig, die Wirkungen von Salicylaten im Körper zu kennen. Salicylate wirken sich auf den sogenannten ArachidonsäureEikosanoidStoffwechsel aus. Dabei handelt es sich um einen Stoffwechselweg, der für den Körper wichtig ist, um Vorgänge wie Entzündung oder Hypersensitivität zu vermitteln.

Salicylate hemmen Teile dieses Stoffwechselweges. In der Medizin macht man sich das zu Nutze, um zum Beispiel durch ASS Entzündungsreaktionen zu mildern, Fieber zu senken und die Blutgerinnung zu hemmen.

Bei Personen mit einer Salicylatintoleranz kommt es zu einer Überreaktion des Körpers auf Salicylate, die man als Unverträglichkeitsreaktion bezeichnet. Die Symptome, die sich aus einer solchen Unverträglichkeitsreaktion ergeben, ähneln denen vieler Allergien. Je nachdem, ob die Symptome durch Medikamente oder Nahrungsmittel hervorgerufen werden, spricht man von einer Medikamentenunverträglichkeit oder Nahrungsmittelunverträglichkeit.

Das Immunsystem spielt eine wichtige Rolle bei Unverträglichkeiten. Es antwortet auf die fremden Substanzen, die für den Körper eigentlich unschädlich sind, wie es auf gefährliche Bakterien oder Viren antworten würde. Dadurch kommt es zu den unangenehmen Symptomen, die mit vielen Unverträglichkeiten einher gehen.

Erfahre mehr: Arachidonsäure-Eikosanoid-Stoffwechsel Expertenwissen

Aus einer Fettsäure, der Arachidonsäure (auch als Eicosatetraensäure bezeichnet), stellt der Körper über zwei verschiedene Botenstoffe her.

Das erste Enzym ist die sogenannte Lipoxygenase (LOX). Ihr Reaktionsprodukt, die Leukotriene, vermitteln Immunreaktionen und spielen eine wichtige Rolle bei Allergien. Leukotriene sind beispielsweise für das Zusammenziehen der Bronchien beim Asthma bronchiale verantwortlich.

Das zweite Enzym, von dem einige Unterformen existieren, wird als Cyclooxygenase (COX) bezeichnet. Das Produkt ihrer Reaktion sind unter anderem die Prostaglandine und Thromboxane. Prostaglandine fördern die Entzündungsreaktion des Körpers und sind an der Entwicklung von Fieber beteiligt. Thromboxane wirken auf die Blutplättchen (Thrombozyten) und beeinflussen die Blutgerinnung.

Salicylate sind wirkungsstarke Hemmer der Cyclooxygenasen. Ihre Einnahme verhindert die Produktion von Prostaglandinen und Thromboxanen und damit auch die Wirkungen, die diese Botenstoffe vermitteln. In der Medizin macht man sich das zu Nutze, um zum Beispiel durch ASS Entzündungsreaktionen zu mildern, Fieber zu senken und die Blutgerinnung zu hemmen.

Salicylsäure-Stoffwechsel

Abb.2: Stoffwechsel der Arachidonsäure

Bei Personen mit einer Salicylatintoleranz funktionieren die Kompensationsmechanismen der COX-Hemmung nicht richtig. Es kommt zu einer Überaktivierung von vielen Immunzellen, zum Beispiel von Leukozyten (weiße Blutkörperchen), Mastzellen, Thrombozyten (Blutplättchen) und Lymphozyten (Zellen des erworbenen Immunsystems).

Diese Überaktivierung und ihre Folgen wird als Pseudo-Allergie bezeichnet, das gesamte Krankheitsbild als Salicylatintoleranz.

Gibt es Zusammenhänge zwischen Salicylatintoleranz und dem Reizdarmsyndrom?

In Studien konnte gezeigt werden, dass Patienten, die unter einem Reizdarmsyndrom leiden, auch häufiger an einer Salicylatintoleranz erkrankt sind als andere. Oftmals bleibt die Empfindlichkeit auf Salicylate bei Reizdarm-Patienten unentdeckt, da andere Auslöser im Vordergrund stehen und durch Arzt und Betroffene mehr Beachtung finden. Allerdings kann ein Verzicht auf Salicylat-haltige Produkte helfen, die Beschwerden eines Reizdarmsyndroms zu lindern. Es empfiehlt sich, ein Ernährungstagebuch zu führen, um genau identifizieren zu können, welche Nahrungsmittel Beschwerden hervorrufen. Auch auf die Einnahme von Medikamenten sollte genau geachtet werden. Verschlimmern sich die Reizdarmsymptome beispielsweise nach der Einnahme von Aspirin, so besteht die Möglichkeit, dass eine Salicylatintoleranz für viele der Beschwerden verantwortlich ist.

In welchen Lebensmitteln kommen Salicylate vor?

Viele Pflanzen produzieren Salicylate. Allerdings kommen sie in unterschiedlichen Mengen vor. Da Salicylate Abwehrstoffe der Pflanze sind, entscheiden auch die Anbaubedingungen über den Salicylatgehalt. Bio-Produkte, die oft ohne Pflanzenschutzmittel angebaut werden, haben meist eine höheren Salicylatgehalt als mit Pestiziden behandeltes Obst oder Gemüse, weil sie eine stärkere Schädlungsbelastung haben.

Da sich Salicylate am häufigsten unter der Schale von Obst und Gemüse sammeln, kann schon Schälen helfen, die Menge an Salicylaten deutlich zu reduzieren. Auch Einlegen in Wasser über längere Zeit (30 – 60 Minuten) hilft, Salicylate auszuwaschen. Allerdings gehen hierbei auch Vitamine und Mineralstoffe verloren.

Besonders salicylathaltige Lebensmittel

Lebensmittelgruppe Beispiele
Gewürze Curry, Kurkuma, Paprikapulver, Zimt, schwarzer Pfeffer, Anis, Senf, Ingwer
Kräuter Basilikum, Oregano, Salbei
Gemüse Champignons, Tomaten, Chicory-Salat, Radieschen
Früchte Orangen, Ananas, Datteln, Trauben, Aprikose, Kirschen, Pflaumen, Mandarinen
Beeren Himbeeren, Heidelbeeren, Johannisbeeren, Cranberries
Weitere Schwarzer Tee, Pfefferminze, Oliven, Olivenöl, Lebensmittel mit Pfefferminz- oder Mentholgeschmack, Liquör, Wein, Rum

Auch in vielen Kosmetikprodukten, zum Beispiel Sonnencremes, Rasierschaum, Shampoos und Duschgelen sind Salicylate enthalten.  

Was sind die Symptome einer Salicylatintoleranz?

Die Hauptsymptome einer Salicylatintoleranz treten im Atmungstrakt auf. Bis zu dreißig Prozent der Betroffenen leiden unter einer sogenannten Polyposis nasi. Dabei handelt es sich um eine chronische Entzündung der Nasenschleimhaut, auf die der Körper mit der Bildung von Geschwülsten (Polypen) reagiert. Durch die Entzündung und die Polypen kann es zu einem Riechverlust kommen, die Atmung durch die Nase kann erschwert sein und es können Kopfschmerzen auftreten.

Etwa zehn Prozent der Salicylatintoleranz-Patienten leiden unter Asthma bronchiale.

Allerdings können auch Haut und Magen-Darm-Trakt bei einer Salicylatintoleranz Beschwerden verursachen. Auf der Haut kommt es zu Bildung von Quaddeln (Urtikaria), gleichzeitig kann sich eine Hautrötung und Juckreiz ausbilden.

Auch eine chronische Darmentzündung kann durch die Salicylatintoleranz verursacht werden. Eine mildere Form hiervon stellen vermehrte Durchfälle dar.

Wie stellt der Arzt die Diagnose Salicylatintoleranz?

Eine ausführliche Anamnese spielt eine große Rolle in der Diagnostik der Salicylatintoleranz. Der zeitliche Zusammenhang von der Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel und den Beschwerden kann wichtige Hinweise auf das Vorliegen der Unverträglichkeit geben.

Sobald der Verdacht besteht, es könne eine Salicylatintoleranz bestehen, kann sich der Arzt sogenannter Provokationstests bedienen. Dabei wird dem Patienten Acetylsalicylsäure (ASS, Handelsname Aspirin) oral als Tablette oder nasal über die Nase verabreicht. Dann wird beobachtet, ob und wie schnell eine allergische Reaktion auftritt. Wichtig ist, dass nur erfahrene Ärzte diese Provokationstestung durchführen. Denn sollten starke Reaktionen wie Asthma bronchiale auftreten, müssen diese umgehend behandelt werden.

Diese Methode hilft, schnelle allergische Reaktionen zu identifizieren. Allerdings ist ihre Aussagekraft bezüglich langfristiger Entwicklungen, beispielsweise der Entstehung von Nasenpolypen, nur begrenzt. In solchen Fällen stehen dem Arzt weitere diagnostische Mittel zur Verfügung. Er kann mithilfe einer Computertomografie (CT) Polypen in der Nase sichtbar machen und Gewebeproben (Biopsien) entnehmen. Diese können dann auf die Art der Entzündungsreaktion und die beteiligten Zellen untersucht werden. Außerdem kann die Lungenfunktion mithilfe einiger Tests überprüft und mögliche Veränderungen nach der Provokation erkannt werden.

Es existieren einige Labortests, die die Konzentrationen verschiedener Substanzen, zum Beispiel der Leukotriene, untersuchen. Diese Tests sind allerdings nicht sehr spezifisch und können sowohl falsch-positive als auch falsch-negative Ergebnisse liefern.

Wie wird eine Salicylatintoleranz behandelt?

Es gibt drei Säulen in der Therapie der Salicylatintoleranz:

  •      Ernährungsumstellung
  •      Operative Eingriffe
  •      Medikamentöse Behandlung / Inaktivierung

1) Ernährungsumstellung

Eine Umstellung der Ernährung ist die effektivste Möglichkeit, die Symptome einer Salicylatintoleranz zu bekämpfen. Ein Verzicht auf salicylathaltige Lebensmittel ist die wichtigste Maßnahme der Ernährungsumstellung. Schon eine Reduktion der aufgenommenen Menge an Salicylaten kann Patienten nachhaltig helfen. Auch salicylathaltige Medikamente sollten gemieden werden.

In besonders schweren Fällen sollte zudem darauf geachtet werden, auch auf Kosmetika, die Salicylate enthalten, zu verzichten.

2) Operative Eingriffe

Ist durch die Salicylatintoleranz eine Polyposis nasi aufgetreten, kann die Atmung verbessert werden, indem die Polypen operativ abgetragen werden. Allerdings kommt es bei bestehender Salicylatintoleranz häufig zu sogenannten Rezidiven, das heißt, die Polypen treten erneut auf. Deshalb sollten operative Eingriffe immer in Verbindung mit den anderen Therapiemöglichkeiten eingesetzt werden.

3) Medikamentöse Therapie und Inaktivierung

Kurzfristig: Bei besonders schweren Reaktionen kann eine Therapie mit Corticosteroiden (Cortisol) helfen, das Ausmaß der Unverträglichkeitsreaktion in Zaum zu halten.

Langfristig: Von großer Bedeutung ist die sogenannte Inaktivierungs- oder Hyposibilisierungs-Therapie, die bei vielen Allergien zum Einsatz kommt. Dabei werden dem Patienten unter ärztlicher Aufsicht immer größere Mengen von Acetylsalicylsäure verabreicht. Oft wird mit 5 mg begonnen und auf bis zu 300 mg pro Dosis gesteigert. Diese Art der Therapie führt dazu, dass sich der Körper an große Mengen von Salicylaten gewöhnt. In Studien wurde gezeigt, dass dadurch die Reaktionen auf Salicylate zurückgehen und Rezidive weniger häufig auftreten. Allerdings erfordert diese Art der Therapie die ständige Einnahme von Erhaltungsdosen der Acetylsalicylsäure, weil die Effekte sonst nach ein bis zwei Wochen nachlassen können.

Eine Salicylatintoleranz wird aufgrund der unspezifischen Symptome oft nicht erkannt oder fälschlicherweise als Allergie diagnostiziert. Deshalb leiden Patienten häufig unter den Folgen der inadäquaten Therapie. Es ist von großer Bedeutung, die Symptome genau zu beschreiben und Zusammenhänge mit der Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel oder der Einnahme von Medikamenten festzustellen. Denn wenn die Salicylatintoleranz erkannt wird, kann sie durch Ernährungsumstellung und Inaktivierung effektiv behandelt werden.

Quellen
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Raithel, M., Baenkler, H., Naegel, A., Buchwald, F., Schultis, H., Backhaus, B., … & Konturek, P. Significance Of Salicylate Intolerance In Diseases Of The Lower Gastrointestinal Tract. Link: http://www.talkingcells.org/pdf/Reithel_2005_salicylate-intolerance.pdf, aufgerufen am 11.06.16
Zopf, Y., Baenkler, H. W., Silbermann, A., Hahn, E. G., & Raithel, M. (2009). Differenzialdiagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Dtsch Arztebl Int, 106(21), 359-369. Link: https://www.aerzteblatt.de/pdf/106/21/m359.pdf, aufgerufen am 11.06.16

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