Morbus Meulengracht (Gilbert-Syndrom)

Der Morbus Meulengracht (Gilbert-Syndrom) ist eine harmlose Leberfunktionsstörung, bei der das Blutabbauprodukt Bilirubin langsamer umgewandelt und ausgeschieden wird. Betroffene zeigen aus diesem Grund gelegentlich eine Gelbsucht – ansonsten hat das Syndrom jedoch keinen Krankheitswert. Der folgende Text erklärt, wie Morbus Meulengracht entsteht und zu welchen Symptomen es kommen kann.

Mit welchen Symptomen äußert sich Morbus Meulengracht?

Das charakteristischste Symptom des Gilbert-Syndroms ist der Ikterus, also die Gelbfärbung der Haut und vom Augenweiß (Sklera). Dazu kommt es insbesondere in Situationen, bei denen vermehrt Bilirubin im Körper anfällt und das konjugierende Enzym so an seine Grenzen getrieben wird. Dies geschieht beispielsweise nach längerem Fasten, sei es freiwillig oder aufgrund einer Magen-Darm-Infektion, oder durch häufiges Erbrechen, beispielsweise in der Schwangerschaft. In den meisten Fällen ist die Gelbfärbung das einzige Symptome des Morbus Meulengracht und als harmlos zu bewerten. Selten kann Morbus Meulengracht die Wahrscheinlichkeit erhöhen, an Gallensteinen zu erkranken.

Häufig ist ein erhöhter Bilirubinspiegel nicht einmal an der Haut zu erkennen, sondern nur als Zufallsbefund während einer Laborkontrolle präsent. Gelegentlich berichten Betroffene von

  • Müdigkeit,
  • Konzentrationsstörungen und
  • Übelkeit.

Es lässt sich bisher jedoch kein Zusammenhang zwischen diesen Symptomen und einem erhöhten Bilirubinspiegel herstellen.

Wer erkrankt an Morbus Meulengracht?

Beim Gilbert-Syndrom handelt es sich um eine angeborene Stoffwechselkrankheit, die von Eltern auf ihre Kinder vererbt werden kann. Die Vererbung erfolgt autosomal-rezessiv. Das bedeutet, dass das Gen für die UDP-GT nicht auf den Geschlechterchromosomen, sondern auf den Körperchromosomen zu finden ist und sowohl vom Vater als auch von der Mutter ein „defektes“ Gen übertragen werden muss, damit es zum Auftreten der Krankheit kommt. Nicht selten ist die Erkrankung bereits in der Familie bekannt. Insgesamt sind etwa drei bis zehn Prozent der Bevölkerung vom Morbus Meulengracht betroffen. Aus einem bisher unbekannten Grund erkranken Männer häufiger als Frauen.

Wie entsteht Morbus Meulengracht?

enterohepatischer_kreislauf, gallensaeureverlustsyndromMorbus Meulengracht wird auch das Gilbert-Syndrom genannt und ist eine Funktionsstörung der Leber. Die Krankheit betrifft den Stoffwechsel des Bilirubins, das ein Abbauprodukt des Hämoglobins (Blutfarbstoff) aus den roten Blutkörperchen ist. Normalerweise sorgt die Leber dafür, dass Bilirubin so umgewandelt wird, dass es mit der Galle und dem Urin ausgeschieden werden kann. Diesen Prozess nennt man Konjugation. Durch das Enzym UDP-GT (UDP-Glucuronosyltransferase) wird Bilirubin in der Leber wasserlöslich gemacht, man spricht von konjugiertem oder direktem Bilirubin. Von der Leber gelangt das konjugierte Bilirubin in die Gallenblase und von dort mit der Galle in den Darm, wo es erneut umgewandelt wird. Der größte Teil des Bilirubins wird durch den Darm direkt ausgeschieden, ein anderer Teil wird in die Blutbahn aufgenommen und erreicht auf diesem Weg erneut die Leber sowie die Nieren, um dort ebenfalls ausgeschieden zu werden.

Beim Morbus Meulengracht ist die Funktion der UDP-GT gestört, das Enzym funktioniert nur zu etwa 30 Prozent. Das hat zur Folge, dass Bilirubin langsamer wasserlöslich gemacht werden kann. Dadurch sammelt sich der Vorgängerstoff, das unkonjugierte Bilirubin, in der Leber und im Blut an – es kommt zum Überschuss von Bilirubin (Hyperbilirubinämie). Das Bilirubin kann sich dann in der Haut und den Augen-Skleren ansammeln und dort zu einer Gelbsucht (Ikterus) führen. Da jedoch immer noch ein Teil der Enzyme zuverlässig arbeitet, kommt es zu keinen schweren Symptomen. Folglich wird Morbus Meulengracht im Allgemeinen als harmlose Erkrankung angesehen.

Wie wird Morbus Meulengracht diagnostiziert?

Da eine Gelbsucht auch auf schwere Leberfunktionsstörungen hinweisend sein kann (zum Beispiel im Rahmen von Hepatitis B oder C), bekommen Betroffene und Angehörige häufig Angst, wenn sich zum ersten Mal, beispielsweise nach einer längeren Hungerepisode, ein Ikterus zeigt. Um schwerere Leberpathologien auszuschließen, sollte in jedem Fall ein Arzt aufgesucht werden. Häufig lässt sich dann schon durch eine einfache Blutuntersuchung erkennen, dass nur das Bilirubin, jedoch nicht die weiteren Leberwerte erhöht sind, was eine Leberschädigung unwahrscheinlich macht. Zusätzlich sollte über die Bestimmung eines Blutbildes überprüft werden, dass es nicht durch einen erhöhten Blutzerfall zu einem Bilirubin-Anstieg kam. Wurde die Verdachtsdiagnose eines Morbus Meulengracht gestellt, kann durch einen weiteren Fastenversuch mit Bilirubinkontrollen im Anschluss die Diagnose gesichert werden. Ist der Fastenversuch nicht möglich, kann als Alternative Nikotinsäure verabreicht werden, die in wenigen Stunden ebenfalls zu einem Anstieg des Bilirubins führen kann.

Verändert Morbus Meulengracht die Wirkung von Medikamenten?

Wie oben beschrieben, stört Morbus Meulengracht das Enzym UDP-GT. Da die UDP-GT neben dem Bilirubin auch bestimmte Medikamente wasserlöslich macht und so deren Ausscheidung aus dem Körper reguliert, wird angenommen, dass es durch den Morbus Meulengracht zu Problemen beim Abbau dieser Medikamente kommen könnte. Bisher konnte dies für das Krebs-Medikament Irinotecan nachgewiesen werden. Andere Medikamente, die ebenfalls betroffen sein könnten, sind unter anderem die HIV-Medikamente Indinavir und Atazanavir. Als Vorsichtsmaßnahme wird Personen mit Morbus Meulengracht außerdem empfohlen, auf Paracetamol zur Schmerzlinderung zu verzichten und stattdessen auf andere Schmerzmittel zurückzugreifen.

Wie wird Morbus Meulengracht behandelt?

Da von dem leichten Überschuss von Bilirubin bei Morbus Meulengracht keine Gefahr für die Gesundheit ausgeht, muss dieses Syndrom nicht behandelt werden. Ist eine Medikamentengabe aufgrund von anderen Erkrankungen, wie Krebs oder HIV, nötig, sollte auf die Verträglichkeit und die Medikamentenspiegel im Blut geachtet werden. Hierzu sollte unbedingt Rücksprache mit einem Arzt gehalten werden.

Tatsächlich zeigen Studien, dass ein leicht erhöhter Bilirubin-Spiegel sogar vor Darmkrebs und Arteriosklerose schützen könnte. Grund dafür könnten die anti-entzündlichen und anti-proliferativen Eigenschaften des Bilirubins sein. Auch für die chronisch obstruktive Lungenkrankheit und Lungenkrebs wurde ein förderlicher Effekt durch Bilirubin gezeigt – weitere Untersuchungen stehen noch aus.

Anders sieht es jedoch bei anderen familiären Hyperbilirubinämien aus: Beim Crigler-Najjar-Syndrom beispielsweise funktioniert die UDP-Glucuronosyltransferase nur noch zu zehn Prozent oder gar nicht mehr – die daraus resultierende Hyperbilirubinämie kann zu starken neurologischen Symptomen und Juckreiz führen, einige Betroffene versterben in der frühen Kindheit.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Morbus Meulengracht und dem Reizdarmsyndrom?

Da sowohl das Reizdarmsyndrom als auch der Morbus Meulengracht häufig in der Bevölkerung anzutreffen sind, ist es nicht unwahrscheinlich, dass einige Personen von beiden Erkrankungen betroffen sind. Gelegentlich berichten auch Menschen mit Morbus Meulengracht von Verdauungsproblemen – bisher konnte jedoch kein direkter Zusammenhang zum Bilirubinspiegel festgestellt werden. Eine direkte Verbindung zwischen Morbus Meulengracht und dem Reizdarmsyndrom wurde bisher nicht gefunden.

Bild: pathdoc/ shutterstock

Quellen
A. Fretzayas et al. Gilbert syndrome. Eur J Pediatr, 2012, 171.1, S. 11-15. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22160004, abgerufen am 10.07.2016.
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S. D. Zucker, P. S. Horn, K. E. Sherman: Serum bilirubin levels in the US population: gender effect and inverse correlation with colorectal cancer. Hepatology, 2004, 40.4, S. 827-835. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15382174, abgerufen am 10.07.2016.
L. J. Horsfall et al. Serum bilirubin and risk of respiratory disease and death. Jama, 2011, 305.7, S. 691-697. http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=894260, abgerufen am 10.07.2016.
G. Herold: Innere Medizin – Eine vorlesungsorientierte Darstellung. Herold Verlag, Köln 2013, S. 518.

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