Hilfe beim Gallensäureverlustsyndrom – eine unterschätzte Krankheit

Beim Gallensäureverlustsyndrom kommt es zu einem Verlust von Gallensäuren im Körper. Gallensäuren dienen dazu, im Dünndarm Fette aus der Nahrung aufzuspalten und im Körper aufzunehmen. Da Gallensäuren wertvoll für den Körper sind, werden sie bei gesunden Menschen am unteren Ende des Dünndarms wieder in den Körper aufgenommen (enterohepathischer Kreislauf).

Gelangen Gallensäuren allerdings fälschlicherweise in den Dickdarm, entstehen Symptome wie Durchfälle und ein fettiger Stuhl. Da es Ähnlichkeiten mit Reizdarmsymptomen gibt, fragen sich viele Betroffene des Reizdarmsyndroms, ob die Reizdarmsymptome nicht auf ein Gallensäureverlustsyndrom zurückzuführen sind. In diesem Artikel erläutern wir, was die Ursachen eines Gallensäureverlustsyndroms sind, wie man es behandelt und inwiefern das Gallensäureverlustsyndrom mit einem Reizdarm in Verbindung steht.

Wie funktioniert der Gallensäure Kreislauf im menschlichen Körper?

enterohepatischer_kreislauf, gallensaeureverlustsyndrom

Der Gallensäure-Kreislauf

Gallensäuren sind für die Verdauung von Fetten unabdingbar. Die Gallenflüssigkeit wird nach einer Mahlzeit aus der Gallenblase, die einen Zwischenspeicher darstellt, in den Dünndarm abgegeben. Sie besteht zum größten Teil aus Wasser, doch einer der wichtigsten Bestandteile sind die Gallensalze. Diese sind in der Lage, Fette aus der Nahrung in kleine Partikel zu zersetzen, damit bestimmte fettspaltende Enzyme leichter an die Nahrungsteilchen herankommen. Gallensalze funktionieren dabei ähnlich wie beispielsweise Flüssigseife und können Fette lösen.

Des Weiteren mildert die Gallenflüssigkeit den Säuregehalt des Speisebreis aus dem Magen ab, man spricht dabei von Neutralisierung.

Mit der Gallenflüssigkeit werden aber auch Stoffe wie Medikamente oder alte Zellbestandteile des Blutes (Bilirubin) über den Kot ausgeschieden. Von den Abbauprodukten des Bilirubins bekommt der Kot übrigens seine braune Färbung und die Gallenflüssigkeit ihre grüne Farbe.

Während der Körper Medikamente, Giftstoffe und das Bilirubin über den Stuhl loswerden möchte, werden die Gallensalze fast vollständig wieder dem Körper zurückgeführt. Das geschieht im unteren Teil des Dünndarms (terminales Ileum). Über den Blutkreislauf gelangen sie wieder in die Leber und werden dort wieder dem Gallensaft zugeführt. Im Körper existieren lediglich zwei bis vier Gramm an Gallensalzen, die pro Tag über den sogenannten enterohepathischen Kreislauf zirkulieren. Über den Stuhl werden nur 0,3–0,6 Gramm Gallensalze pro Tag ausgeschieden, das entspricht etwa fünf Prozent. Die anderen 95 Prozent werden also wiederaufgenommen. Deshalb ist es wichtig, dass dieser Kreislauf gut funktioniert. Werden Gallensalze jedoch ausgeschieden statt resorbiert, gelangen sie in den Dickdarm und verursachen dort die im nächsten Abschnitt typischen aufgeführten Symptome des Gallensäureverlustsyndroms.

Welche Symptome hat man bei einem Gallensäureverlustsyndrom?

Das Hauptsymptom äußert sich in Durchfällen auf Grund der Gallensäuren, die in den Dickdarm gelangen (chologene Diarrhoe). Damit verbunden sind meistens krampfartige Schmerzen. Wird die Nahrungsaufnahme pausiert, bessern sich in der Regel die Beschwerden. Gehen zu viele Gallensäuren verloren, sodass ein absoluter Mangel entsteht, tritt das Symptom von Fettstühlen auf (Steatorrhoe). Das erkennt man manchmal auch bereits daran, dass in der Toilette ein Fettfilm auf dem Wasser schwimmt.

Weil durch den Gallensäureverlust auch die Konzentration in der Gallenblase sinkt, steigt dadurch das Risiko von Gallensteinen. Im Bereich der Harnwege können sich außerdem Nierensteine bilden. Bei länger anhaltender Erkrankungsdauer ist ein Mangel an den fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K möglich. Ein Vitamin-B12-Mangel ist äußert selten, da die körpereigenen Reserven meist für mehrere Jahre ausreichen, bevor ein Mangel auftritt.

Was sind die Ursachen von einem Gallensäureverlustsyndrom?

Das Gallensäureverlustsyndrom wird in drei unterschiedliche Kategorien eingeteilt, die sich an den Ursachen der Erkrankung orientieren:

Typ 1:

Dazu zählen Erkrankungen des Ileums (dem letzten Teil des Dünndarms), die eine Rückresorption der Gallensäuren erschweren. Dazu zählen zum Beispiel chirurgische Entfernungen oder „Umleitungen“ dieses Darmabschnittes, sowie einer chronischen Entzündung in diesem Bereich, wie es beim Morbus Crohn der Fall ist.

Typ 2:

Dieser Typ wird auch als Gallensäureverlustsyndrom unbekannter Ursache (idiopathischer Natur), oder als primär bezeichnet. Primär bedeutet in diesem Falle, dass keine andere Ursache verantwortlich ist, sondern die Rückresorption auf Grund eines fehlerhaften Transporters in der Darmwand zurückzuführen ist.

Man nahm früher an, dass neben der primären, die idiopathische Ursache äußerst selten ist, doch neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass es einen weitaus größeren Anteil am idiopathischen Gallensäureverlustsyndrom gibt, als bislang angenommen. Näheres dazu im letzten Abschnitt dieses Artikels.

Typ 3:

Dieser Typ umfasst quasi alle weiteren Ursachen, die nicht zu den zuvor erwähnten passen. Dabei kann es sich um folgende Ursachen handeln:

Wie wird das Gallensäureverlustsyndrom diagnostiziert?

Besonders nach Operationen am Dünndarm ist bei genannten Symptomen an ein Gallensäureverlustsyndrom zu denken. Bei dieser Art von Durchfall (chologene Diarrhöen) sind die üblichen Arzneimittel gegen Durchfall aber kaum wirksam.

Die erste Beurteilung des Stuhls mit dem bloßen Auge gibt oftmals schon Aufschluss darüber, ob eine Erkrankung vorliegen könnte. Ein fettiger Stuhl (Steatorrhoe) beispielsweise kann auf ein Gallensäureverlustsyndrom hinweisen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Gallensäureverlustsyndrom zu diagnostizieren:

  • Therapieversuch mit Austauscherharzen (siehe Therapie) Verbessern sich die Symptome nach Therapiebeginn, ist meistens eine weiterführende Diagnostik nicht notwendig
  • 4C-Glykocholat-Atemtest
  • 15SeHCAT-Test
  • Untersuchung des Stuhls auf Gallensäuren in einer 24-stündigen Stuhlsammlung

Während der 4C-Glykocholat-Atemtest ein selten angewandtes Verfahren darstellt, 15SeHCAT-Test ein sehr genaues Verfahren, um ein Gallensäureverlustsyndrom nachzuweisen. Im Alltag in deutschen Praxen und Krankenhäusern wird vielfach noch der Stuhl auf Gallensäuren untersucht, was allerdings als ungenau zu beurteilen ist und nur einen Anhaltspunkt darstellt.

Welche Therapie gibt es beim Gallensäureverlustsyndrom?

Bei den Therapieoptionen gibt es zum einen Ansätze, die auf eine Änderung der Ernährung abzielen, zum anderen medikamentöse Therapieoptionen.

  • Gesunde Ernährung: Betroffene mit wässrigen Durchfällen, die nur leichte Probleme mit der Fettaufnahme im Körper zeigen, sollten ihre Ernährung gesund und abwechslungsreich gestalten. Obgleich ein Verzicht nicht notwendig ist, sollten sehr fettige Speisen vermieden werden.
  • Fett: Liegen neben den Durchfällen bereits fettige Stühle als Symptom vor, sollte die Ernährung fettreduziert gestaltet werden, also weniger als 30 Gramm Fett pro Tag. Da diese Diät anspruchsvoll ist, sollte die Hilfe eines Ernährungsberaters in Anspruch genommen werden. Eine Nahrungsergänzung mit mittelkettigen Fettsäuren kann sinnvoll sein, da diese viel leichter im Körper aufgenommen werden können.
  • Vitamine: Betroffene, die Fette nicht aufnehmen können, sind der Gefahr ausgesetzt, nicht genügend fettlösliche Vitamine aufnehmen zu können. Die Notwendigkeit, eine Ergänzung mit Vitaminen durchzuführen, konnte zwar durch klinische Studien noch nicht bestätigt werden, wird aber dennoch häufig empfohlen.

Welche Medikamente helfen beim Gallensäureverlustsyndrom?

Ziel einer medikamentösen Behandlung ist die Reduzierung von Durchfällen und Fettstühlen.

Damit Gallensäuren nicht von Bakterien im Dickdarm (Darmflora) verstoffwechselt werden können, kann man sie medikamentös mit sogenannten Austauscherharzen binden. Diese werden einfach kurz vor der Nahrungsaufnahme eingenommen. Das gängigste Mittel nennt sich Cholestyramin. Da das Mittel nicht in den Körper aufgenommen wird, können keine direkten Nebenwirkungen im Körper auftreten, allerdings gibt es Nebenwirkungen, die direkt Einfluss auf die Verdauung nehmen wie:

  • Verstopfung
  • Verdauungsstörungen
  • Winde und Blähungen
  • Schlechter Nachgeschmack

Man muss bei dieser Art der Therapie beachten, dass so lediglich das Symptom behandelt wird, nicht jedoch die Ursache.

Liegt bereits ein ausgeprägter Fettstuhl vor, sollten Austauscherharze vermieden werden und anstatt dessen mittelkettige Fettsäuren verabreicht werden in Verbindung mit einer fettreduzierten Diät.

Insgesamt ist zu sagen, dass durch eine Therapie die Symptome deutlich gebessert werden können und deshalb für viele Betroffene die richtige Diagnose und Therapie ein wichtiger Schritt zur Genesung und Verbesserung der Lebensqualität darstellt.

Wie hängt das Gallensäureverlustsyndrom mit dem Reizdarmsyndrom zusammen?

Viele Betroffene mit dem Reizdarmsyndrom und den Hauptsymptomen Durchfälle und/oder Fettstühlen fragen sich, ob als Ursache hinter den Symptomen nicht ein Gallensäureverlustsyndrom stecken könnte. Bei vielen Reizdarmpatienten liegt allerdings keine Ursachen wie eine Dünndarmoperation vor, sodass bei ansonsten unauffälliger Krankheitsgeschichte von einer idiopathischen Form des Gallensäureverlustsyndroms ausgegangen werden muss. Idiopathisch nennen Mediziner Krankheiten ohne eine bekannte Ursache. Bislang wurde die Häufigkeit dieses Typs als gering eingestuft, eine neue systematische Übersichtsstudie (Review) konnte jedoch zeigen, dass etwa 33 Prozent aller Reizdarmpatienten mit einem Durchfall-Reizdarmtyp krankhafte (positive) Werte beim Gallensäureverlustsyndrom Test nach der 15SeHCAT-Testmethode zeigten. Deshalb muss man davon ausgehen, dass unter Reizdarmpatienten vom Durchfall-Typ eine nicht zu vernachlässigende Zahl an Betroffenen ist, die von einer Untersuchung und Behandlung des Gallensäure Verlustes profitieren könnten.

Betroffene sollten sich mit ihrem Arzt über diese mögliche Diagnose unterhalten, wenn besonders diese Symptome im Vordergrund stehen:

  • Der Durchfall tritt unabhängig von der Tageszeit auf
  • Wird keine Nahrung aufgenommen, bessern sich die Symptome
  • Die Gallenblase wurde entfernt (oder andere Operationen am Darm wurden vorgenommen)
  • Der Stuhl glänzt fettig
  • Übliche Reizdarm Medikamente oder andere Reizdarm Therapien bringen keine Besserung
  • Ein Atemgastest auf eine Dünndarmfehlbesiedlung ist positiv
Quellen
Westergaard, H. (2007). Bile acid malabsorption. Current treatment options in gastroenterology10(1), 28-33. Online aufgerufen am 04.04.2016 unter: http://link.springer.com/article/10.1007/s11938-007-0054-7
Wedlake, L., A’hern, R., Russell, D., Thomas, K., Walters, J. R. F., & Andreyev, H. J. N. (2009). Systematic review: the prevalence of idiopathic bile acid malabsorption as diagnosed by SeHCAT scanning in patients with diarrhoea‐predominant irritable bowel syndrome. Alimentary pharmacology & therapeutics30(7), 707-717. Online aufgerufen am 04.04.2016 unter:http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1365-2036.2009.04081.x/full
Siewert, J. R., Blum, A. L., Harder, F., & Creutzfeldt, W. (2013). Chirurgische gastroenterologie. M. Allgöwer, L. F. Hollender, & H. J. Peiper (Eds.). Springer-Verlag, Kapitel 3.2.2.
Bild-Autor: Sansculotte. Die Abbildung ist lizensiert unter einer Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic Lizenz.

Bild: Wikipedia

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