Von der Entdeckung meines Bauchhirns

Wir freuen uns, den Erfahrungsbericht von Ulrike präsentieren zu dürfen. Hier geht es um die Wechselwirkungen zwischen Kopf- und Bauchhirn sowie den Einfluss von Stress auf Reizdarm und Reizmagen.

Meine Bauchhirn-Entdeckungsreise beginnt in meiner Jugend. Damals lebte ich sehr ungesund. Ich habe zwar regelmäßig Leistungssport betrieben, mich aber auch hauptsächlich von Fertiggerichten und Eistee ernährt. Weiterhin habe ich täglich geraucht und regelmäßig an den Wochenenden Alkohol konsumiert. Magen- und Darmbeschwerden waren mir fremd. Ich konnte alles kreuz und quer essen und trinken. Die Bedeutung von Redewendungen, wie „Das schlägt mir auf den Magen“ oder „Ein flaues Gefühl im Magen haben“, habe ich nie am eigenem Leib spüren können. Aber dann änderte sich alles. Ich war 18 Jahre alt und auf einer Freundesfeier. Dort habe ich ein Glas Bier getrunken und anschließend eine sehr starke Übelkeit verspürt. Das war ziemlich merkwürdig für mich. Sonst konnte ich essen und trinken wie ein Schlund und mir wurde nie übel. Ich habe mich dann auf den Weg nach Hause gemacht. Dort musste ich mich übergeben. Dieses Szenario wiederholte sich zwei weitere Male.

Nach langer Zeit und einem hohen Kraftaufwand habe ich es geschafft, dem Teufelskreis entgegen zu steuern.

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Darm-Hirn-Achse

Damals war mir das alles ein großes Rätsel. Heute weiß ich, dass diese Reaktion meines Magens absolut nicht sonderbar ist und auch nötig war. In meiner Jugend war ich sehr oft sehr traurig, ich habe viel geweint, musste viel einstecken und wurde von nahestehenden Leuten seelisch misshandelt. Zu dieser Zeit war mir das nicht so stark bewusst. Ich habe erst im Laufe der letzten Jahre gelernt, dass das, was mir teilweise widerfahren ist, grausam und ganz und gar nicht normal war. Zusätzlich kamen dann sehr turbulente Zeiten auf mich zu. Ich begann mein Studium und bin sehr oft umgezogen. Es folgten Zeiten, in denen ich mich sehr unwohl gefühlt habe. Ich hatte viel um die Ohren und war sehr unzufrieden mit meinen Wohnsituationen, meinem Studium und meinem sozialen Umfeld. Meine Magenbeschwerden nahmen stark zu. Ich habe mich schlau gemacht und angefangen meine Ernährung umzustellen. Letzeres war schließlich unumgänglichen, weil mir von den Extremen, wie Kaffee, Zigaretten, Alkohol oder fettigem Essen, unglaublich übel wurde.

Eine Zeit lang hatte ich jeden Tag Magenschmerzen einhergehend mit einer starken Übelkeit. Nach einiger Zeit ließ ich meine Beschwerden ärztlich abklären. Etliche Untersuchungen bestätigten meine Vermutung, dass ich einen Reizmagen habe. Anschließend begann ich eine Verhaltenstherapie bei einem Psychologen. An einigen Dingen habe ich bereits erfolgreich gearbeitet. Meine Ernährung wurde gesünder, ich habe gelernt „nein“ zu sagen und darauf zu achten, was ich wirklich möchte und was nicht. Andere Dinge, wie eine erfolgreiche Stressbewältigung oder die Verarbeitung der Vergangenheit, erfordern eine längere Zeit.

Ich hatte hauptsächlich Angst davor, dass ich Durchfall bekomme und keine Toilette in der Nähe ist.

Meine Magenbeschwerden schwächten ab, meine Darmbeschwerden nahmen zu. Nun hatte ich vermehrt mit starken Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall zu kämpfen. Dazu kamen Panikattacken, die durch die Angst, dass ich Durchfall in der Öffentlichkeit bekomme, begünstigt wurden. Ich hatte hauptsächlich Angst davor, dass ich Durchfall bekomme und keine Toilette in der Nähe ist. Die Angst war in den Paniksituationen teilweise so stark, dass ich dann beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln sehr zeitnah Durchfall bekommen habe und auch relativ zügig auf die Toilette gehen musste. Ich kann den Zusammenhang zwischen meiner Psyche und meinem Bauch klar erkennen. Wenn es mir durch Stress, Angst oder Panik psychisch schlecht geht, habe ich starke Darmbeschwerden. Diese hatte ich viele Wochen lang jeden Tag und pausenlos. Das machte es mir nicht gerade leichter, daran zu arbeiten. Ich hatte das Gefühl, in einen Teufelskreis geraten zu sein: Mir geht es schlecht, ich habe Bauchschmerzen, dadurch geht es mir noch schlechter, die Beschwerden nehmen zu, ich fühle mich noch schlechter …

Mittlerweile bin ich nahezu panikfrei und gehe in die Welt hinaus, ohne pausenlos darüber nachzudenken was passieren könnte.

Nach langer Zeit und einem hohen Kraftaufwand habe ich es geschafft, dem Teufelskreis entgegen zu steuern. Mittlerweile bin ich nahezu panikfrei und gehe in die Welt hinaus, ohne pausenlos darüber nachzudenken was passieren könnte. Ich habe weiterhin Beschwerden, jedoch sind sie besser geworden, weil nun die von Angst und Panik ausgelösten Beschwerden wegfallen. Ich kann jetzt viel besser mit meinen Beschwerden umgehen und sie machen mir keine Angst mehr. Weiterhin sind sie nervig und einschränkend, aber ich sehe ein Licht am Ende des Tunnels. In meinen letzten Semesterferien habe ich mich sehr gesund und magenfreundlich ernährt.

Ich bin fest davon überzeugt, dass ich es eines Tages schaffen werde, dass mein Kopfhirn wieder mehr zu sagen hat, als mein Bauchhirn.

In einer Woche habe ich es geschafft, dass ich mich nicht stresse und auch psychisch ganz gut drauf bin. Ich war ca. drei Tage am Stück total frei von Bauchbeschwerden. Das war ein unglaublich schönes Gefühl. Meine Ernährung ist gesund und magenfreundlich geblieben. Der Stress hat wieder zugenommen. Dadurch haben auch meine Beschwerden zugenommen. Derzeitig habe ich fast täglich Beschwerden. Vor allem morgens und abends macht mir mein Reizdarm zu schaffen. Davon lasse ich mich nicht mehr unterkriegen. Aktuell arbeite ich vor allem an Stressbewältigungstaktiken. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich es eines Tages schaffen werde, dass mein Kopfhirn wieder mehr zu sagen hat, als mein Bauchhirn.

Bleibt stark, es lohnt sich!

Rückblickend kann ich aus meinem Leidensweg etwas Positives ziehen. Mein Bauchhirn hat mir gezeigt, dass man auf sich und auf seinen Körper hören muss und sich nicht für andere Menschen verbiegen soll. Von meinem Bauchhirn konnte ich sehr viel lernen. Es war und ist nicht immer leicht, aber nach meiner Meinung, hatte das Verhalten meines Bauchhirns einen sehr guten Grund. Diesen Grund muss man erkennen und angehen. In diesem Sinne wünsche ich allen Leidensgenossen ganz viel Kraft auf ihren Wegen. Bleibt stark, es lohnt sich!

Schließlich noch ein paar Worte zu mir: Ich heiße Ulrike, bin 22 Jahre alt und wohne in Berlin. Seit dem Sommer des letzten Jahres führe ich hobbymäßig einen Blog Das tägliche Gedankenkarussell – Mein Leben mit Reizdarm, Reizmagen und anderen psychischen Unbefindlichkeiten, in dem ich Beiträge über meinen Leidensweg, meine Erfahrungen, meine Ernährung und bauchfreundliche Rezepte veröffentliche.

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