Mein Leben mit Reizdarm: der Leidensweg einer Betroffenen

Dies ist ein Erfahrungsbericht von Marille vom Blog Marilles Cuisine

Einen Reizdarm zu haben ist ziemlich beschissen. Vor allem wenn man weiß, dass es einem nicht immer so ging. Trotzdem möchte ich in diesem Beitrag offen darüberschreiben, wie ich damit lebe und wie ich damit umgehe und anderen Betroffenen Mut machen. Zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass man sich nicht dafür schämen muss. Wer kann schon was für diesen, Verzeihung, Scheiß? Bei mir fing das aus heiterem Himmel an, Mitte 2008 wachte ich morgens mit einem komischen Völlegefühl auf. Mittlerweile kann ich mich nicht mehr an das „Normal-Gefühl“ erinnern und würde es wahrscheinlich auch gar nicht mehr erkennen. Auslöser des Ganzen war damals vermutlich irgendeine vorangegangene harmlose Antibiotika-Behandlung. Vielleicht muss ich an dieser Stelle gleich erwähnen, dass ich nicht „die typische Reizdarm-Betroffene“ bin. Meine Beschwerden beschränken sich darauf, dass ich wenn ich etwas Falsches esse, aussehe wie hochschwanger und als müsse man mich festbinden, damit ich nicht abhebe (Da muss ich immer an die Milka-Luflée Werbung von früher denken). Außerdem ist bei mir Stress kein Einflussfaktor. Klar hab’ auch ich ab und zu die typischen Verdauungsbeschwerden, die eigentlich typisch für das Krankheitsbild sind, aber sie beeinträchtigen mich im Alltag kaum oder meistens gar nicht. Ich bin einfach nur aufgebläht und hab’ dadurch vor allem Schmerzen in Bauch und Magen, mal mehr, mal weniger.

Ist es sehr schlimm, weiten sich die Schmerzen auf die Organe und die Rippen aus, klar, die Luft braucht Platz, wenn sie nicht raus will.

Die Ärzte-Odyssee zur Diagnose Reizdarm

Ab diesem Tag damals folgte eine, ich kann es nicht anders sagen, Ärzte-Odyssee die eine reine Tortur war. Magen- und Darmspiegelungen, Laktoseintoleranztest, Stuhluntersuchungen, Histamintest, Schilddrüsenwerte, Blutbilder, Allergietests und was es sonst noch so gab. Ich kenne sie alle: Internisten, Gastroenterologen, Endokrinologen, Psychiater, Urologen, Neurologen, Hausärzte, Allergologen, verrückte und normale Heilpraktiker, Osteopathen, Ernährungsberater und und ich hab’ ganz sicher welche vergessen. Inklusive dreitägigem Klinikaufenthalt auf der Inneren.

Dort wurde mir dann auch offiziell die Diagnose „Reizdarmsyndrom“ mit nach Hause gegeben, mit dem Hinweis mich damit abzufinden, da es keine Behandlung gäbe.

„Machen Sie was daraus“ also. Das alles dauerte bis Mitte 2011. Dann war ich mit dem Studium fertig und zog von meiner Heimatstadt Stuttgart nach Karlsruhe, irgendwie in dem festen Glauben, es würde durch einen Umzug in eine neue Umgebung besser. Was natürlich nicht der Fall war. Allerdings hatte ich schon zu dem Zeitpunkt die Schnauze voll von ergebnislosen Arztbesuchen bei denen ich kerngesund aus der Praxis kam. Niemand kann sich vorstellen wie das ist, wenn man nach jedem Arztbesuch vor Frust heult, weil man gesund ist. Es ist wirklich bizarr. So lebte ich eine Weile so vor mich hin.

Unverträgliches Standardessen im Krankenhaus

In einer wirklich schlimmen Phase wurde mir klar: So geht es nicht weiter. Ich muss lernen, mit meinen Reizdarm zu leben, ihn zu akzeptieren und mich damit im Alltag zu arrangieren.

Zu dem Zeitpunkt war mein Leben eher ein Überleben.

Ich entschloss mich für einen sechswöchigen Aufenthalt im Städtischen Klinikum – der tat mir insofern gut, weil ich mich erholte und Kraft tankte, half aber dem eigentlichen Problem kein Stück weiter. Fast alle dort waren wegen Depressionen auf der Station, für mich mit einem Reizdarm natürlich die falsche Zielgruppe und das „Programm“ dort völlig an meinen Bedürfnissen vorbei. Das Essen dort übrigens auch. Und so durfte ich mir sogar von einer Schwester anhören, ich gehörte doch eigentlich in eine Klinik für Essgestörte, weil ich eben nicht alles essen konnte was es dort gab. Solche Kommentare finde ich ja bis heute zum Kotzen, wenn man sie jemandem an den Kopf wirft, der gesundheitlich auf Nahrungsmittel verzichten muss. Das macht Betroffenen das Leben nicht gerade einfacher. Zum Glück kommt das so gut wie nie in meiner Gegenwart vor.

Wohlfühlen im Job

Nach dem Aufenthalt 2013, kam es erst mal zu einem nennen wir es „unerwarteten Jobwechsel“. Heute betrachtet, konnte mir eigentlich nichts Besseres passieren – denn dann wäre ich (nach einem weiteren Jobwechsel) nicht wo ich jetzt bin: Im besten Unternehmen und mit dem Glück sagen zu können, dass mir meine Arbeit großen Spaß macht und ich einen Haufen großartiger Kollegen habe. Und ja, auch das wirkt sich (unbewusst) positiv oder negativ auf einen Reizdarm aus. Je angenehmer die sagen wir mal Rahmenbedingungen sind, umso besser geht es mir und so funktioniert der Körper leider eben auch umgekehrt.

Radikale Ernährungsumstellung

Mitte 2014 hatte ich nicht nur Geburtstag und Urlaub, sondern es ging mir auch noch so schlecht, dass ich wusste, wenn jetzt nichts passiert, drehe ich durch. Keine Ahnung wie das ausgesehen hätte, aber ich war oft kurz davor, morgens einfach nicht mehr aufzustehen und auf alles zu scheißen. Ausnahmsweise nicht wortwörtlich. Meine Ernährung bestand fast nur noch aus Brezeln, mit denen es erträglich, aber nicht annähernd gesund war und ich das auch körperlich spürte, vor allem die ständige Müdigkeit und Erschöpfung. Die ständigen Bauchschmerzen und vor allem das bei mir typische und oft ziemlich schmerzhafte Aufgeblähtsein, brachte mich fast um den Verstand. Also krempelte ich meine Ernährung auf einen Schlag radikal um. Und zwar wirklich, das dauerte keinen Urlaubstag. Meine ganzen Lebensmittelvorräte brachte ich zur Caritas und startete mit einer Ausschlussdiät. Eine Woche lang Reis und Wasser, um alle Allergene aus dem Körper zu schwemmen. Einen Tag später war ich nahezu beschwerdefrei. Ich liebe es wenn auf Dinge Verlass ist. Nur kann man sich so nicht ewig ernähren, weil man auch damit Mangelerscheinungen bekommt. Deshalb begann ich recht schnell, Lebensmittel zu testen und akribisch Buch zu führen. Beides nichts Neues für mich, nur diesmal war es nicht „nur“ glutenfrei oder „nur“ histaminarm, sondern das gesamte Paket. Um es kurz zu machen: gestrichen sind seit dem Gluten, Laktose, (raffininierter) Zucker, Gewürze, Kräuter, fast sämtliche Obstsorten, Frittiertes, Fettiges, Scharfes. Am Anfang richtig radikal durchgezogen, esse ich mittlerweile wieder in kleinen Mengen beschwerdefrei Glutenhaltiges und auch Zucker oder Schokolade und so weiter. Interessierte werden auf meinem Blog dazu fündig. In dieser Phase hab‘ ich auch meinen Blog Marille’s Cuisine umgekrempelt. Gestartet 2013 bloggte (und aß) ich noch über alles Mögliche rund ums Backen – Kuchen, Torten, Muffins usw.

Reizdarm Ernährung

Seit der kompletten Umstellung gibt es das bei mir auch noch, aber der Fokus liegt ganz klar auf Unverträglichkeiten und Allergien und dem Wunsch anderen Betroffenen zu zeigen, dass leckeres Essen damit auch geht und Kochen immer noch großen Spaß macht. Ich schreibe über meine Ernährung als Reizdarm-Betroffene Rezepte, die in ihrer Einfachheit und trotzdem durch Geschmack und Verträglichkeit überzeugen. Meine Rezepte sind immer laktosefrei und glutenfrei, und meistens auch gewürz-, hefe- und zuckerfrei und oft auch vegan. Also auch für Menschen mit Allergien und Intoleranzen geeignet. Für Außenstehende mag das oft unglaublich anstrengend und merkwürdig aussehen, wenn ich meine eigene Milch mit ins Kaffee nehme, vorab alles plane, wenn ich auswärts bin, mein Essen kaum würze und solche Dinge. Für mich ist das völlig normal geworden. Was ich sagen will: offen darüber reden hilft aber ungemein. Das muss man lernen, aber es vereinfacht im Leben vieles – beruflich und privat. Ich muss mich nicht mehr rechtfertigen und es ist mir nicht mehr peinlich. Ändern kann ich es sowieso nicht, mir so aber den Druck nehmen es „geheim halten zu müssen“.

Eine entscheidende Hilfe auf dem Weg zur Besserung war eine ausführliche Stuhluntersuchung die ich zwar selber bezahlen musste, bei der aber rauskam, dass meine Darmflora völlig gestört ist. Zu viel hiervon, zu wenig davon, Bestandteile die nicht verdaut werden können. Kurzum: Ich hatte schwarz auf weiß, dass etwas offensichtlich nicht stimmt. Tolles Gefühl sag’ ich euch. Ich wurde mit pflanzlichen Produkten ausgestattet, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Das war zeitgleich mit der Umstellung der Ernährung. Seitdem bin ich zum Großteil ein anderer Mensch oder auf dem Weg so zu sein wie früher.

Abenteuer Restaurantbesuch

Mittlerweile leben mein Reizdarm und ich in meist friedlicher Koexistenz, wir haben uns arrangiert und dulden uns. Ich lasse ihn in Ruhe, indem ich mich bewusst ernähre und bis auf Ausnahmen nur esse, was er auch verträgt. So hat auch er seine Ausnahmen, grummelt vor sich hin oder regt sich auch mal auf. Alles in allem kann ich aber sagen, dass sich durch die Ernährung bei mir gut 70–80 Prozent beeinflussen lassen. Der Rest ist einfach die Lust und Laune meines Körpers. Ganz beschwerdefrei bin oder fühle ich mich nie oder nur selten. Seit ich gelernt habe, das einfach zu akzeptieren, was natürlich auch nicht immer klappt, dann komm‘ ich auch gut damit klar, wenn es mir mal nicht gut geht oder ich mit Durchfall, Übelkeit und was sonst noch dazu gehört kämpfen muss. Hört sich jetzt durchgelesen so „positiv“ an, aber natürlich hab‘ ich auch Einschränkungen. Essengehen zum Beispiel, nicht zu wissen ob man es verträgt oder nicht, auch wenn das Bestellte eigentlich verträglich sein müsste. Oder ganz schwierig: Bei oder mit anderen Menschen in einem Raum oder einer Wohnung übernachten. Da sind Beschwerden vorprogrammiert. Genauso wie nach einem Arbeitstag noch was zu unternehmen und vor allem die Unberechenbarkeit. In einer Sekunde kann mein Bauch ohne ersichtlichen Grund von flach zu „Oh Sie sind schwanger, setzen Sie sich!“ aufblähen.

Epilog

Wenn ich versuche etwas Gutes aus meinem Schicksal zu ziehen: Neben unglaublich vielen neuen Lebensmittel, habe ich auch tolle Menschen kennengelernt und Freunde gewonnen. Und ich weiß wahrscheinlich sehr zu schätzen, wie dankbar man sein kann, wenn man gesund ist. Ich hoffe mit diesem Beitrag kann ich allen die bis zum Ende gelesen haben Mut machen, dass ein Reizdarmsyndrom nicht das Ende der Welt sein muss und es sich lohnt, offen darüber zu sprechen, wenn es angebracht ist. Außerdem möchte ich nicht-Betroffene für das „beschissene Thema“ sensibilisieren, denn niemand kann sich annähernd vorstellen, wie man sich wirklich damit fühlt. Und ich möchte mich bei allen bedanken, die bis zum Ende gelesen haben.

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