Häufigkeit des Reizdarmsyndroms: Zahlen und Fakten

Durchfall oder Verstopfung, Blähungen, Krämpfe, stechende Bauchschmerzen oder ein Blähbauch beeinträchtigen den Alltag von Betroffenen des Reizdarmsyndroms. Diese Symptome können in einzeln, abwechselnd oder gleichzeitig auftreten. Die Symptome treten sehr individuell auf und werden durch unterschiedliche Einflussfaktoren ausgelöst. Das Reizdarmsyndrom belastet nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch Familie, Freunde und Kollegen spüren die Belastung. Die genaue Ursache des Reizdarmsyndroms ist noch nicht bekannt, deshalb gibt es auch noch keine kausalen Therapien.

Ist das Reizdarmsyndrom bereits eine Volkskrankheit? Früher ging man von einer geringen Häufigkeit der Erkrankung aus. Heute weiß man, dass das Reizdarmsyndrom viel häufiger vorkommt. Welche Dimensionen das Reizdarmsyndrom annimmt, soll im Folgenden gezeigt werden – das Reizdarmsyndrom in Zahlen und Fakten.

Wie viele Menschen sind in Deutschland vom Reizdarmsyndrom betroffen?

Du bist nicht allein... 0 Menschen in Deutschland haben einen Reizdarm

Das Reizdarmsyndrom ist unterdiagnostiziert. Das bedeutet: in Deutschland erfüllen momentan 16,6 Prozent der Bevölkerung mit ihren Symptomen die Kriterien für die Diagnose „Reizdarmsyndrom“. Das sind fast 14 Millionen Betroffene. Damit ist mindestens jeder sechste in Deutschland von chronischen Verdauungsproblemen betroffen. Mediziner sprechen bei der Häufigkeit von Krankheiten wie dem Reizdarmsyndrom auch von der sogenannten „Prävalenz“, dies bezeichnet die Anzahl an Betroffenen. Da aber nicht jeder Betroffene zum Arzt geht und auch Ärzte die Krankheit nicht immer erkennen, ist die Dunkelziffer beim Reizdarmsyndrom hoch. Anhand der Symptome können die Betroffene in Typen des Syndroms eingeordnet werden. Am häufigsten sind der Mix- (IBS-M) und Durchfall-Typ (IBS-D) vertreten. Das bedeutet, dass ein Mix aus Durchfall und Verstopfung oder nur Durchfall die häufigste Reizdarm-Symptome sind. In den westlichen Industrieländern, wie Deutschland, sind Frauen häufiger betroffen als Männer.

Wie ist das Therapieangebot für Betroffene des Reizdarmsyndroms?

Betroffene des Reizdarmsyndroms fühlen sich in vielen Lebensbereichen sehr eingeschränkt und empfinden deshalb ihre Lebensqualität meist als stark vermindert. Die Symptome und Beschwerden der Betroffenen sind vielfältig, dies macht es schwierig eine optimale Therapie zu finden. Es müssen Ansätze aus verschiedenen Bereichen kombiniert werden, wie Ernährung, Psychotherapie oder Bewegung. Solch multidisziplinäre Angebote sind im deutschen Gesundheitswesen noch rar und Betroffene müssen häufig Monate auf einen Therapieplatz warten.

Werden Betroffene gut von Ärzten betreut?

Für die Beratung und Betreuung von Betroffenen des Reizdarmsyndroms können viele Ärzte nicht genug Zeit im stressigen Praxisalltag aufbringen. Eine umfassende und integrierte Betreuung in den Bereichen Ernährung, Stress-Reduktion und Krankheitsauslöser zum Beispiel, kann häufig nicht in der Praxis geleistet werden. Dies lässt sich auch dadurch erklären, dass Ärzte die Beratung und Betreuung von Reizdarmpatienten nur schlecht bei der Krankenkasse abrechnen können. Als Folge fühlen sich viele Betroffene mit ihrer Problematik alleine gelassen. Auf der Suche nach Ärzten mit einem umfassenden Therapieangebot, suchen sich viele Betroffene auch Hilfe außerhalb der Schulmedizin oder in Selbsthilfeorganisationen.

Wie können Betroffene ideal betreut werden?

Die Vielfältigkeit des Reizdarmsyndroms erfordert, dass für eine gute Betreuung Fachleute aus unterschiedlichen Gebieten eng zusammenarbeiten. Denn das Syndrom wird nicht allein durch die Ernährung beeinflusst, sondern auch die Psyche oder z.B. Sport spielen eine große Rolle. Für eine optimale Therapie müssten Hausärzte, Gastroenterologen, Psychotherapeuten, Apotheker, Ernährungswissenschaftler und Sporttherapeuten ein individuelles Konzept für jeden Patienten erarbeiten. Für eine solche Zusammenarbeit sind die verschiedenen Berufsgruppen jedoch momentan noch zu schlecht vernetzt und nicht immer über den neuesten Stand der Therapieoptionen informiert. Der Verlauf und Erfolg einer Reizdarmtherapie wird zudem in der Regel nicht festgehalten und kontrolliert. Ohne eine solche Erfolgskontrolle ist es schwierig die Therapie anzupassen und die Symptome zu lindern. Nicht nur aufgrund der Komplexität der Therapie gibt es so wenige Betreuungsangebot, sondern auch weil es schlichtweg an Fachpersonal mangelt.

Wie hoch sind die privaten Ausgaben für Reizdarm-Betroffenen?

Da die Ursachen für das Reizdarmsyndrom noch nicht gefunden sind, gibt es bislang noch keine kausale Therapie. Das heißt Patienten müssen sich oft selbst helfen. Dadurch entstehen für die Betroffenen Kosten die sich im Jahr auf etwa 200 bis 1100 Euro belaufen können. Betroffene investieren zum Beispiel in:

  •    Pflanzliche, homöopathische und rezeptfreie Reizdarm-Medikamente (z.B. Pfefferminz- oder Kümmelöl)
  •    Tees und Kräuter
  •    Spezielles Essen (z.B. glutenfrei, laktosefrei, FODMAP-arm, )
  •    Psychotherapie und Biofeedback
  •    Heilpraktiker und andere alternative Behandlungsformen
  •    Massagen
  •    Yoga

Ist das Reizdarmsyndrom eine Belastung im Arbeitsleben?

Ja, die Krankheit stellt eine erhebliche Belastung im Beruf dar. Verdauungsprobleme empfinden viele Menschen als ein recht intimes Thema und fühlen sich deshalb unwohl am Arbeitsplatz, wenn sie gerade wieder mit Symptomen zu kämpfen haben. Dies kann die Arbeitsproduktivität um rund 21 Prozent vermindern. Oft auch sind die Symptome zu stark um arbeiten zu können: Reizdarm-Betroffene fehlen krankheitsbedingt durchschnittlich etwa 22 Arbeitstage.

Wie können sich Betroffene selbst helfen?

Betroffene wünschen sich endlich wieder Kontrolle über ihren Körper und ihre Verdauung. Dies gelingt nur mit einer detaillierten Beobachtung des eigenen Körpers und möglicher Auslöser der Symptome. Gelingt es den Betroffenen die Auslöser für ihre Verdauungsprobleme zu finden, gewinnen sie ein großes Stück Kontrolle und vor allem Lebensqualität zurück.

Quellen
Althaus, A., Broicher, W., Wittkamp, P., Andresen, V., Lohse, A.W. and Löwe, B., 2016. Determinants and frequency of irritable bowel syndrome in a German sample. Zeitschrift für Gastroenterologie, 54(03), pp.217-225. Online abgerufen am 28.04.2016 unter https://www.thieme-connect.com/DOI/DOI?10.1055/s-0041-106856
Layer P, Andresen V, Pehl C, et al. [Irritable bowel syndrome: German consensus guidelines on definition, pathophysiology and management]. Zeitschrift für Gastroenterol. 2011;49(2):237-293. doi:10.1055/s-0029-1245976. Online abgerufen am 28.04.2016 unter  https://www.thieme-connect.com/DOI/DOI?10.1055/s-0029-1245976
Karbach U, Schubert I, Hagemeister J. Ärztliches Leitlinienwissen und die Leitliniennähe hausärztlicher Therapien. Dtsch Ärzteblatt. 2011;5(Jg. 1085). Online abgerufen am 28.04.2016 unter  https://www.aerzteblatt.de/pdf/108/5/m61.
Harvey RF, Salih SY, Read AE. Organic and functional disorders in 2000 gastroenterology outpatients. Lancet (London, England). 1983;1(8325):632-634. Online abgerufen am 28.04.2016 unter http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(83)91802-0
Maxion-Bergemann S, Thielecke F, Abel F, Bergemann R. Costs of irritable bowel syndrome in the UK and US. Pharmacoeconomics. 2006;24(1):21-37. Online abgerufen am 28.04.2016 unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16445300.
Ashburn TT, Gupta MS. The IBS market. Nat Rev Drug Discov. 2006;5(2):99-100. doi:10.1038/nrd1961. Online abgerufen am 28.04.2016 unter http://www.nature.com/nrd/journal/v5/n2/full/nrd1961.html
Harvey RF, Salih SY, Read AE. Organic and functional disorders in 2000 gastroenterology outpatients. Lancet (London, England). 1983;1(8325):632-634.
Koloski NA, Talley NJ, Boyce PM. Predictors of health care seeking for irritable bowel syndrome and nonulcer dyspepsia: A critical review of the literature on symptom and psychosocial factors. Am J Gastroenterol. 2001;96(5):1340-1349. doi:10.1111/j.1572-0241.2001.03789.x. Online abgerufen am 28.04.2016 unter  http://www.nature.com/ajg/journal/v96/n5/abs/ajg2001332a.html
Canavan C, West J, Card T. The epidemiology of irritable bowel syndrome. Clin Epidemiol. 2014;6:71-80. Online abgerufen am 28.04.2016 unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3921083/
Talley NJ, Gabriel SE, Harmsen WS, Zinsmeister AR, Evans RW. Medical costs in community subjects with irritable bowel syndrome. Gastroenterology. 1995;109(6):1736-1741.  Online abgerufen am 28.04.2016 unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7498636.
Longstreth GF, Wilson A, Knight K, et al. Irritable bowel syndrome, health care use, and costs: a U.S. managed care perspective. Am J Gastroenterol. 2003;98(3):600-607. Online abgerufen am 28.04.2016 unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12650794.
Lacy, B.E., Rosemore, J., Robertson, D., Corbin, D.A., Grau, M. and Crowell, M.D., 2006. Physicians’ attitudes and practices in the evaluation and treatment of irritable bowel syndrome. Scandinavian journal of gastroenterology41(8), pp.892-902. Online abgerufen am 28.04.2016 unter http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00365520600554451
Dean BB, Aguilar D, Barghout V, et al. Impairment in work productivity and health-related quality of life in patients with IBS. Am J Manag Care. 2005;11(1 Suppl):S17-S26. Online abgerufen am 28.04.2016 unter http://europepmc.org/abstract/MED/15926760.

Leave a Comment