Reizdarm-Behandlung – Was tun gegen das Reizdarmsyndrom?

Vom Reizdarmsyndrom Betroffene fragen sich häufig, was sie gegen ihre chronischen Magen-Darm-Beschwerden tun können. Bei Ärzten, Apothekern und Heilpraktikern fühlen sie sich jedoch schlecht aufgehoben, weil diese teilweise nicht über die moderne leitliniengerechte Reizdarm-Behandlung  informiert sind und im stressigen Alltag wenig Zeit für eine angemessene Reizdarm-Therapie bleibt. Dennoch stehen einige wirksame Behandlungsmöglichkeiten zur Bekämpfung der Reizdarm-Symptome zur Verfügung. Die moderne Reizdarm-Therapie konzertiert sich simultan auf verschiedene Punkte:

  • Ernährung
  • Psychotherapie und Biofeedback
  • Entspannungsübungen
  • Bewegungstherapie
  • Selbsthilfegruppen
  • Symptomtagebuch/ Ernährungstagebuch
  • Medikamente

Welche Ernährung kommt in der Reizdarm-Behandlung zum Einsatz?

Schon lange weiß man, dass die Reizdarm-Symptome stark mit der Ernährung zusammenhängen. Früher dachte man, dass eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung zur Reizdarm-Therapie ausreicht. Bis vor kurzem ging man davon aus, dass sich eine glutenfreie Ernährung auch bei Menschen ohne Zöliakie am besten zur Reizdarm-Behandlung eignet. Aktuelle Studien legen nahe, dass nicht das häufig verdächtigte Gluten den Darm reizt, sondern vielmehr fermentierbare Kohlenhydrate (FODMAPs). Interessanterweise sind glutenfreie Lebensmittel meistens zusätzlich arm an FODMAPs, sodass sich eine glutenfreie und FODMAP-arme Ernährung (Low-FODMAP-Diät) zur Behandlung des Reizdarms stark ähneln. Bei vielen Patienten stabilisieren sich durch eine kombinierte Low-FODMAP- und glutenfreie Diät die Symptome innerhalb einiger Wochen. Danach gilt es, individuell herauszufinden, welche Nahrungsmittel wieder in den Ernährungsplan aufgenommen werden können, da die Langzeitfolgen der Low-FODMAP-Diät noch nicht ausreichen erforscht sind.

Kann Psychotherapie in der Behandlung des Reizdarms eingesetzt werden?

Stress kann auf den Magen schlagen. Dies macht deutlich, wie eng unser Gehirn mit dem Magen-Darm-System zusammenhängt. Forscher nennen diese Wechselwirkung auch Darm-Hirn-Achse (engl. Gut-brain axis). Dies macht deutlich, warum das Reizdarmsyndrom zu den psychosomatischen Erkrankungen gezählt wird. Psychosomatisch bedeutet, dass ein enger Zusammenhang zwischen den körperlichen Symptomen und dem psychischen Zustand besteht. Sogar beim postinfektiösen Reizdarmsyndrom, bei dem die Ursachen anfangs eine Infektion ist, kommt es häufig zu der Entwicklung von psychischen Symptomen, welche die körperlichen Symptome verstärken können (Somatisierung).

Kognitive Verhaltenstherapie (CBT), Biofeedback und bauchbezogene Hypnotherapie lassen sich in die Reizdarm-Behandlung integrieren. Durch sie lernen Betroffene mit den Beschwerden, negativen Denkmustern und ungünstigen Verhaltensweisen umzugehen, was die Lebensqualität steigern kann. Leider sind die Plätze für ambulante Psychotherapie stark begrenzt und die Wartezeiten auf ein psychotherapeutisches Erstgespräch und Therapiebeginn sind dementsprechend lang.

Was tun, wenn Reizdarm durch Stress schlimmer wird?

In der Reizdarm-Behandlung gilt es, negativen Stress (Disstress) und psychische Belastung möglichst zu reduzieren. Deshalb bieten Entspannungsübungen eine praktische Möglichkeit zur Linderung der Reizdarm-Symptome. Auch können sie gezielt eingesetzt werden, um die Beschwerden vorsorglich nicht schlimmer werden zu lassen. Die beliebtesten Entspannungstechniken, die in der Reizdarmtherapie gerne eingesetzt werden, sind

  • progressive Muskelentspannung nach Jacobson
  • bauchbezogene Hypnotherapie
  • Achtsamkeit
  • psychodynamische Therapie
  • autogenes Training

Diese Übungen können gut in die Reizdarm-Behandlung zur Ergänzung eingebaut werden, als alleinige Maßnahme (Monotherapie) werden sie jedoch nicht empfohlen.

Hilft Bewegung in der Reizdarm-Therapie?

Ja, aktuelle Studien zeigen, dass sich schon leichte körperliche Aktivität positiv auf das Reizdarmsyndrom auswirkt. Deshalb lohnt es sich, Bewegung in die Reizdarm-Behandlung zu integrieren. Obwohl vom Reizdarm-Betroffene zur Inaktivität neigen, macht es sich bezahlt, Bewegung behutsam in den Alltag zu integrieren. Moderater Sport (z.B. Fahrradfahren, Schwimmen, Yoga oder Pilates) wirkt sich nämlich positiv auf die Verdauung aus.

Wer kann die Reizdarm-Therapie unterstützen?

Neben Ärzten und Apothekern bieten Selbsthilfegruppen eine gute Begleitung während der Reizdarm-Therapie. Selbsthilfegruppen haben sich sowohl offline als auch online als Kernelement in der Therapie unterschiedlicher Krankheiten etabliert. Auch für das Reizdarmsyndrom hat sich ein günstiger Effekt von Selbsthilfegruppen auf den Krankheitsverlauf in aktuellen Studien gezeigt. Gerade virtuelle Selbsthilfegruppen sind über das Smartphone ständig verfügbar und können so Betroffene in jeder Lebenslage unterstützen und zum Durchhalten der Reizdarm-Therapie motivieren. Die größte Reizdarmselbsthilfegruppe ist die Deutsche Reizdarmselbsthilfe e.V.

Welche Medikamente kommen in der Reizdarm-Behandlung zum Einsatz?

Obwohl viele Menschen kritisch gegenüber Medikamenten sind, gibt es eine Reihe von Medikamenten, die in der Reizdarm-Behandlung eingesetzt werden. Hierbei wirken Medikamente bisher nur gegen die Symptome des Reizdarms und können das Reizdarmsyndrom nicht heilen. Die in den deutschen Leitlinien für Erwachsene empfohlenen Medikamente sind in folgender Tabelle zusammengefasst:

Verstopfung Durchfall Schmerzen Blähungen
Osmotische Abführmittel (Macrogoltyp) lösliche Ballaststoffe lösliche Ballaststoffe Entschäumer
Probiotika und Präbiotika Probiotika und Präbiotika Probiotika und Präbiotika Probiotika und Präbiotika
Phytotherapeutika Colestyramin Spasmolytika
lösliche Ballaststoffe Loperamid 5-HT3- Antagonisten (USA)
Antidepressiva
Phytotherapeutika

Wann ist der Einsatz von Probiotika und Ballaststoffen sinnvoll?

Probiotika und Präbiotika

Probiotika und Präbiotika können in der Bekämpfung des Reizdamsyndroms eingesetzt werden, wobei die Wahl des probiotischen Stammes der Symptomatik angepasst wird. Durch ihre Einnahme erhofft man sich eine positive Beeinflussung (Modulation) der Darmflora.

Nahrungsergänzungsmittel

Nahrungsergänzungsmittel (außer Prä- und Probiotika) werden laut deutschen Leitlinien bisher nicht in der Reizdarm-Behandlung empfohlen.

Lösliche Ballaststoffe

Lösliche Ballaststoffe wie Methylcellulose, Psyllium/Ispaghula der Pflanzengattung der Wegeriche (lat. Plantago) können gegen Reizdarm des Obstipations-, Diarrhoe- und Schmerztyps eingesetzt werden. Zu der Pflanzengattung der Wegeriche (Plantago) gehören auch die bekannten Indischen Flohsamen (Plantago ovate). Eine verbreitete Nebenwirkung der Therapie mit Ballaststoffen sind verstärkte Blähungen. Außerdem sollten Ballaststoffe nicht zur Reizdarm-Behandlung bei Kindern eingesetzt werden.

Wann ist der Einsatz von Medikamenten sinnvoll und von welchen Mitteln ist abzuraten?

Antidepressiva

Antidepressiva können zur Reizdarm-Therapie eingesetzt werden, wenn zusätzlich psychische Krankheiten wie Depressionen oder Angsterkrankungen mit dem Reizdarmsyndrom verbunden sind. Beim Verstopfungs-Typ (Obstipations-Typ) sollten trizyklische Antidepressiva (TCA) nicht verwendet werden, da sie die Verstopfung als Nebenwirkung verstärken können. Hier kommen eher Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) zum Einsatz – jedoch unterhalb der üblichen Dosis für Depressionen. Die SSRI helfen insbesondere bei der Therapie der reizdarmsepzifischen Schmerzen.

Osmotische Abführmittel

Allein osmotische Abführmittel (Laxanzien) vom Macrogoltyp können beim Reizdarm des Verstopfungs-Typs (IBS-C) eingesetzt werden.

Spasmolytika

Spasmolytika (krampflösende Mittel) können Bauchschmerzen in der Reizdarm-Behandlung lindern. Zu diesen Medikamenten gehören beispielsweise Antimuskarine, N-Butyl-Scopolamin (Buscopan), Mebeverin (Duspatal), Pfefferminzöl und Kümmelöl.

Schmerzmittel

Schmerzmittel wie zum Beispiel ASS (Aspirin), Opiate, Paracetamol und Metamizol werden nicht zur Reizdarm-Behandlung empfohlen, da ihre Wirksamkeit nicht belegt und die Nebenwirkungen wie beispielsweise Verstopfung zu stark sein können.

5-HT3-Antagonisten

5-HT3-Antagonisten wie Alosetron sind in Deutschland nicht in der Reizdarm-Therapie zugelassen, da es zu schweren Nebenwirkungen kommen kann. Jedoch können sie im Einzelfall von Ärzten gegen starke Schmerzen eingesetzt werden

Antibiotika

Antibiotika sollten nur mit großer Zurückhaltung beim Reizdarmsyndrom verordnet werden und kommen lediglich bei Hinweisen auf eine bakterielle Fehlbesiedlung zum Einsatz. Dies gilt auch für resorbierbare Antibiotika wie Rifaximin oder Neomycin.

Karminativa

Karminativa (Entschäumer) wie Simethikon und Dimethikon können in der Reizdarm-Behandlung bei übermäßiger Gasbildung, Blähbauch und Blähungen (Flatulenz) probiert werden.

Colestyramin

Colestyramin kann in der Dosis angepasst beim Durchfalltyp des Reizdarms eingesetzt werden, insbesondere wenn es zu Gallensäureverlusten kommt. Auch Loperamid kommt beim Reizdarm vom Durchfalltyp zur Anwendung.

Welche pflanzlichen Präparate werden eingesetzt?

Phytopharmaka wie die Pflanzenmixtur STW-5, die aus aus neun Pflanzenextrakten besteht, können gegen den Verstopfungs-Typ vom Reizdarm wirken. Hierin enthalten sind:

  1. Iberis amara (Bittere Schleifenblume)
  2. Angelikawurzel
  3. Kamillenblüten
  4. Kümmelfrüchte
  5. Mariendistelfrüchte
  6. Melissenblätter
  7. Pfefferminzblätter
  8. Schöllkraut
  9. Süßholzwurzel

Hilft ein Symptomtagebuch in der Reizdarm-Therapie?

Wer am Reizdarmsyndrom leidet, merkt schnell, dass sich die Symptome durch bestimmte Ereignisse (Trigger) verschlechtern können. Meist können stressige und unangenehme Ereignisse, aber auch bestimmte Lebensmittel die Reizdarm-Behandlung erschweren. Durch ein Symptomtagebuch lassen sich diese Zusammenhänge aufdecken. Ärzte und Psychotherapeuten setzen Tagebücher gerne in der Reizdarm Therapie ein. Betroffene lernen so, ihre Symptome besser zu kontrollieren. In einem Reizdarmtagebuch werden beispielsweise folgende Punkte festgehalten:

  • Schmerzverlauf
  • Stuhlverhalten (zum Beispiel Häufigkeit, Menge, Konsistenz)
  • Stress
  • Stimmung
  • auslösende Ereignisse (zum Beispiel Nahrungsmittel, belastende Termine)
Quellen
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